Gesamtzahl der Seitenaufrufe

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Deutsches zur Vorweihnachtszeit

Am Morgen, jetzt schon, scanne ich für das Archiv einen Artikel von Navid Kermani aus der SZ von heute. (Einen unglaublich schönen, klugen Text, nebenbei gesagt. Wer die SZ hat: Seite 22. Zum Nachlesen.)

Die OCR macht Fehler. Natürlich ...

"Die Frage, was deutsch ist an der deuchen Literatur, möchte ich beantworten, indem ich über den exemplarischen deutschen Schriftsteller spreche."

... und das Korrekturprogramm von OpenOffice macht für "deuchen" zwei Korrekturvorschläge. Nämlich die:


Bevor jetzt jemand aufstöhnt, weil ihm Angst wird ums Herz, sage ich: "deutsche Seuchen keuchen?" Hey, das ist vorbei, Mann! Das war heute! Morgen ist 2007. Es geht aufwärts, Mann! Kultur, Konjunktur, KasselDokumentaTour -- geht alles aufwärts! Hoch hinauf. Nix mit Seuchen und mit Keuchen. Nur keine Panik, Mann! Keine Panik!

Dienstag, 19. Dezember 2006

Political Correctness

In einem Forum des Wiener 'Standard' schreibe ich: "Mir geht das ganze Political-Correctness-Gerede samt sämtlicher PC-Citronen [sic] langsam aber sicher (und auch unglaublich) auf die Nerven!" Worauf dann a) eine Leserin gratuliert, weil solcherlei Ansichten meist zensiert würden und ich es geschafft hätte, diesen Satz durch die Zensur zu bringen. Zwei Leser -- vermutlich Männer -- sagen, dass das, was ich da gesagt habe, meine Privatbefindlichkeit sei, die niemanden interessiere. Gönnerhaft fügt der zweite Kritiker hinzu, ich dürfe aber da immerhin "posten, was das Zeug hält".

Seltsam, diese selbstverliebte Scheinselbstsicherheit der allzeit Korrekten, denke ich. Und dann schreibe ich auch noch das:

"Weil ich grad mal wieder vorbeigeschaut habe, summarisch nach oben: Ich bin immer davon ausgegangen, dass dieses Forum dazu da ist, damit Menschen ihre Meinung sagen. Eine Meinung zu einer 'Privatbefindlichkeit' umzuetikettieren ist nicht sonderlich einfalls- reich. Vorsichtig und höflich formuliert. Ich nehme einmal an, dass die Privatbefindlichkeit-Richtung ungefähr die ist: 'Wer nicht das annimmt und vertritt, was ich selbst annehme und vertrete, der äußert hier seine niemanden (= nicht mich) interessierenden privaten Gefühle.' Nun ja..."

Das kopiere ich hierher für den Fall, dass doch noch gestrichen wird. Ich würde es gerne erhalten. Und eine Vorstufe ist ohnehin schon erreicht. Der rüberkopierte Link funktioniert nicht. Da steht immer die neueste Zitrone. Man muss also händisch das "Sündenziegen-Monster" suchen. Dann ist man vor Ort.

Samstag, 16. Dezember 2006

Eine Geschichte, die so beginnt?

Er könnte, überlegte er, doch damit anfangen, seine Autobiographie zu schreiben. Er war jetzt 57 Jahre alt. Natürlich ein wenig jung für einen solchen Lebensbericht. Aber doch auch wieder nicht zu jung. Denn immerhin lag die unerwartetste Veränderung seines Erwachsenenlebens nun schon drei Monate hinter ihm. Er war jetzt nicht mehr Journalist. Er war, zu seiner eigenen Überraschung, auf einmal Lehrer. Für Deutsch und Geschichte. Wer hätte das vor einem Jahr gedacht. Er selbst am wenigsten. Die Tage bei seiner Psychotherapeutin hatten diese Veränderung bewirkt. Daran gab es für ihn keinen Zweifel.

Die Vorgeschichte -- musste er die Vorgeschichte auch erzählen?

Die Vorgeschichte würde er sehr kurz abhaken. Er würde ja ohnehin darauf zurückkommen müssen, wenn diese eigenartigen Ereignisse in der Abfolge der Ereignisse an die Reihe kam. Für den Anfang würde genügen: Er hatte einen Aufstieg erlebt. Noch einmal einen. Eine große, eine wirklich bedeutende Zeitung. Ein wichtiges Ressort. Das Politik-Ressort und dazu den Posten des stellvertretenden Chefredakteurs. Mit Aussicht, in zwei, drei Jahren Cheferedakteur zu werden. Und dann hatte er sich von Anfang an überfordert gefühlt. In einer Weise, wie er es nicht für möglich gehalten hatte. Er schlief schlecht, er träumte zum ersten Mal in seinem Leben Albträume, die sich zu Serien verketteten, und er schrieb schlecht. Seine Artikel waren katastrophal schlecht und seine Kommentare ungenießbar. Er war der erste, der das wußte. Endlich, nach sechs quälend langen Wochen, war er zum Arzt gegangen. Burn out würde man heute nicht mehr so gerne sagen, meine dieser Arzt. Die Grenze zur schlichten Depression, die aus der Überarbeitung, vom Stress kam, sei ohnehin kaum auszumachen. Er könne sich die Bezeichnung selbst aussuchen. Feststehe aber, dass er sehr aufpassen müsse. Es gehe ihm nicht gut. Mehr noch: Er stehe kurz davor, in eine wirkliche Depression abzustürzen.

Und er? Was hatte er getan? Er hatte sich eine Flasche Whiskey gekauft und war, mit der Flasche im Koffer, in die Berge gefahren. Er hatte den letzten Lift nach oben genommen. Er hatte sich unterhalb des Gipfels zwischen die Bäume gesetzt. Dann hatte er angefangen zu trinken. Er war gut angezogen. Es war Sommer. Er wusste, dass er nicht erfrieren würde in dieser Nacht. Er wusste allerdings auch, dass er, wenn es Winter war, zurückkommen konnte. Und dann war das, eine solche Nacht, das Ende. Er hatte ein nicht näher zu beschreibendes Prickeln gespürt bei diesem Gedanken.

Sonntag, 10. Dezember 2006

Philip Roth, oder: das Hochton-Schwadronieren

Ich, der ich als Lektüre die einfachen Romane von Michael Crichton, Thomas Harris und auch Robert Harris, Ken Follett usw. bevorzuge, also Schlichtgemüt-Spannendes, ich bekomme den 'Menschlichen Makel' ('The human stain') von Philip Roth geschenkt. Jenen Roman, der gleich auf der Vortitelseite von FAZ, ZEIT, Tages-Anzeiger, FR und WELT gelobt wird. Ich lese gleich mal hinein. Und was soll ich sagen? Nichts kann ich sagen. Ich kann nur fragen: Ist dieses träge dahintreibende Herumschwadronieren mit langen Sätzen und Sex-Sottisen wirklich die große Romankunst, die die Kritiker wollen? Oder trifft hier die eine Klasse der Schwadroneure ein zentrales Mitglied der anderen Klasse des Hochton-Schwadronierens, und dann geht das Loben des erstaunlichen Hochtons los?

Textprobe, S. 168: "'Hätte Clinton sie in den Arsch gefickt, dann hätte sie [die Praktikantin Monica Samille Lewinsky] vielleicht den Mund gehalten.' [...] 'Er hätte sich ihrer Loyalität versichern können, wenn er sie in den Arsch gefickt hätte. Das wäre ein Pakt gewesen."

Ich verstehe schon, so was müssen die großen Erotikanten unter den Kritikern, wie Marcel Rreich-Ranicki oder Hellmuth Karasek, einfach gut finden! Und die WELT -- es ist in dem Buch nicht zu lesen, wer da besprechend zur Stelle war. Der Rezesent der WELT also weiß zu urteilen: "Was für ein Roman! Was für ein ungeheurer, großartiger, menschenkluger Roman!" Und ich? Ich weiß endlich, was es mit dem mir bis dato unbekannten Prädikat menschenklug auf sich hat. Da wär ich von alleine so leicht nicht draufgekommen. Das geb ich zu. Diese Sprache, diese gewaltigen Einsichten des Philip R.

--

Nachtrag: Wer das Thema liebt -- also nicht Roth, sondern das andere Thema --, der sei auf den passenden Zufallsfund Nr. 17 auf der CD von Les Derhos'n, Titel: Voll unter die Goethelinie, hingewiesen ...

Sex und die Rechtschreibung

Bemerkenswert! Ich suche während des Aufsatz-Korrigierens Rechtschreibvarianten bei Google. Mein neues Hobby, damit das Korrigieren nicht ganz so eintönig wird. Jetzt also: Wie oft kommt pinibel statt penibel vor?* Da werde ich unter anderem auf eine Seite verwiesen, auf der eine Lady83 von "Sex mit Verwandten" berichtet. Diese Lady wird, nehme ich mal an, nicht 83 Jahre alt sein und an ihre Jugend zurückdenken. Wahrscheinlich ist sie Jahrgang 1983. Anyway.

Lady83 beschreibt also im Umfang knapp, doch in der Sache detailliert von einer sexuellen Begegnung mit ihrem Cousin. Und was bricht los? Nicht eine Berichtsflut: 'So was hab ich auch schon mal gemacht.' Oder: 'Pervers!' Oder: 'Die Gelegenheit hatte ich leider noch nie.' Nein, nichts dergleichen. Sondern eine lang hingezogene Diskussion über die Rechtschreib- und Formulierschwächen von Lady83. Die tatsächlich mit ihrem holpernden Schreiben die Geduld arg strapaziert. Aber ich dachte eben: 'Wer ständig so nahe am Orgasmus lebt wie diese Dame, der kann einfach nicht besser schreiben! Wie denn auch. Wenn sie doch beständig nur an das andere denkt?!'

Einer der "User" stellt dann penibel [sic] die Rechtschreibfehler der anderen "User" zusammen. Es ist eine Freude!

Summa: Deutschland hat die Rechtschreibreform wahrlich verdient.

--

311.000 Seiten auf Deutsch für penibel
1.250 Seiten auf Deutsch für pinibel
1.290 Seiten auf Deutsch für peniebel
188 Seiten auf Deutsch für piniebel

So, und jetzt kommt es:

6 Seiten auf Deutsch für penisibel (!)

Wie man leicht sieht: Nicht nur in der Quantenphysik ist die Welt ein Wolkengebilde aus unfassbarer Statistik. Das gilt auch und vor allem für die Sprache und am Ende gar -- für das gesamte Sein.

Samstag, 9. Dezember 2006

Nihil humanum ...

... mihi alienum est.

Also denn! Es sei hier ein schöner, ausführlicher, bemerkenswert differenzierter Bericht über Britney Spears gepriesen. Ich hab es erst auf den zweiten Blick gesehen: natürlich von jetzt.de der Süddeutschen Zeitung.

"... Die jüngsten Fotos stammen aus Beverly Hills und zeigen die derangierte Britney, diesmal mit Höschen, als besoffene Ikone des Trash."

Testberichte

Wer schaut nicht schon mal im Internet nach Testberichten, wenn er etwas Neues kaufen will? Eine der Adressen, die sich bei Google rechts in der Geschäftsspalte einblenden, ist regelmäßig die von preisvergleich.de. "Kaufen Sie nicht die Katze im Sack und finden Sie hier Testberichte!" Das Problem: Es poppt bei dieser Site erst mal bildschirmfüllend ein hässliches Fenster auf und dann muss man wieder von vorne anfangen und selbst suchen. Obwohl ja schon durch die Google-Eingabe klar war, wonach man sucht. Das ist mir zuviel. Ich gehe da nicht hin bzw. schnell wieder weg.

Freitag, 8. Dezember 2006

klarmobil

In letzter Zeit findet man in den Zeitungen viel über die Kundenfreundlichkeit, die die Telekom jetzt einführen will. Und T-Mobile soll zur Telekom zurück?

Hier mal so viel: Ich bin vor zwei Monaten von der unendlich bräsigen, teuren T-Mobile (schon diese übermodische-anglisierende Namensgebung der Firma ärgert mich inzwischen!) zu klarmobil gewandert und habe die Rufnummer mitgenommen. Und siehe da! Die 40-Euro-Rechnungen eines Wenigtelefonierers sind bei klarmobil auf Fast-Nichts geschrumpft. Im Moment telefoniere ich immer noch mit dem Start-Guthaben.

Jemand sagte, als ich bemerkte, ich telefoniere mit klarmobil: "Ja, Discounter..." Ja, Himmel noch mal! Ich will doch nicht mit meinem Handy mein Image polieren. Ich will damit einfach telefonieren! Und ich will nicht mit meiner Monatsrechnung die schön hohen Vorstandsgehälter bei T-Mobile finanzieren.

Montag, 4. Dezember 2006

TAZ-Sprachgefühl

Tja, die Sprachgefühligen von der TAZ! "Morgen früh nach dem Krieg" orakelt sie. Um dann zu erklären: "Die 'FAZ' übernimmt jetzt doch die reformierte Rechtschreibung". Ein wenig viel triumphierendes "Na also, jetzt habt ihr's" klingt da mit.

Und dann aber:

"Was ist eigentlich schlecht dabei, wenn Schüler wählen können zwischen 'morgen früh' und 'morgen Früh', weil 'Früh' genau so wie 'Abend' oder 'Morgen' als Substantiv verstanden werden kann?"

Ja, "Holla!" erst einmal! Jetzt dürfen sie wählen, die Schüler! Immerhin! Da legst di nieder!

Und dann -- wie sagte schon der große Handke? "Das sprachunsensible Mündel will Vormund sein." Hat es denn wirklich im Gefühl, das TAZ-Mündel, was ein Substantiv ist? Wohl kaum. Kann es denn nicht verstehen, daß "der Morgen / der Abend" was anderes ist als "morgen abend" und noch mal was anderes als "morgen am Abend"? Nein, es kann nicht. Aber es muß halt mitreden, das Mündel. In der ihm zur zweiten Haut gewordenen progressiven Selbstsicherheit.

Sonntag, 3. Dezember 2006

Geld kommt zu Geld

Sagen wir es erst mal allgemein so: Ein Gründer hat eine vielleicht sehr gute Idee. Er glaubt jedenfalls daran. Eine Idee, die auch Geld bringen könnte. Zwei Gespräche mit hochkarätigen, allerdings auch etwas angeschlagenen Profis der Branche, um die es geht. Beide winken ab. Ein erhebliche Größe des Betriebs = viel Kapital müsse von Anfang an sein, so der eine. Er arbeite jetzt, wie ein Rechtsanwalt, beratend. Das Honorar betrage 360 pro Tag = 8 Stunden. So der andere.

Der potentielle Gründer zuckt zusammen und überlegt, ob er jetzt wohl wenigstens das Essen des Zweiten bezahlen muss. Wenn der Mann sich schon zu diesem Arbeitsessen mit ihm, dem Gründer, trifft.

Unterm Strich weiß der Gründer jetzt immerhin: Deutschland besteht, wirtschaftlich gesehen, aus satten, das Risiko wie das Neue scheuenden Bürgersleuten, mit denen man nur was auf die Beine stellen kann, wenn man schon zu ihnen gehört.

Darauf hin beschließt der Gründer, daß er erst einmal ein Projekt, das, womit er immer anfangen wollte, selbst auf die Beine stellen wird. Wenn es klappt, kommt so viel Geld herein, daß er halbwegs groß gründen kann. Wenn es nicht klappt, weiß er mehr und hat nicht viel verloren.

Samstag, 2. Dezember 2006

Rechtschreibreform und Paranoia

In Theodor Icklers "Rechtschreibtagebuch", hier, ein Bericht über seinen, Icklers, Besuch bei der FAZ, die sich fragt, ob sie nicht demnächst mit der alten Rechtschreibung allein dastehen wird. Was einem nun Angst machen kann: Gute, überraschende Querverbindungen schlagen zu können, ist ein Zeichen von Kreativität und Sprachwitz. Ganz klar. Das "Streiflicht" der Süddeutschen Zeitung ist beinahe jeden Morgen ein Zeugnis für diese Tatsache. Aber wie das so ist -- so etwas, die Kreativität, kann sich mit dunklen Geistesmächten verbinden, und sie kann sich verselbständigen. Dann kommen Verbindungen heraus, die diesem Kommentar zu Ickler ähneln.

"Vielleicht fragen sich diese Geistesgrößen auch, wieviel 'Prozent' ungesundes Polonium im Körper des verstorbenen Alexander Litwinenko vorhanden waren. Vielleicht 0,0001 Prozent? Oder 0,001 Prozent? Egal, jedenfalls nicht der Rede wert. Wenn 99,999 Prozent der Körpermasse in Ordnung sind, ist doch alles paletti. Litwinenko ist wohl an Altersschwäche gestorben, und Haarausfall soll bei erwachsenen Männern nichts Ungewöhnliches sein."

Ach ja, man muß vielleicht erklären: Hinter diesem Bild steht die Annahme, daß die gesunde deutsche Sprache auch schon durch geringste Dosen des extrem starken Rechtschreibirrtumsgifts umgebracht werden kann.

So etwas, diese Art der querverbindenden Kreativität, kann einem schon Angst machen. Bei so etwas letztendlich Läppischen wie der Rechtschreibung kommen solch tiefdunkle Phantasien und Aggressionen ans Licht. JessesMariaundJosef!

Ich wünsche mir manchmal, irgendwo in der Prärie der USA eine kleine, feine Farm zu haben. Weit weg von Deutschland, in dem vielleicht doch noch unter dem Obersalzberg oder wo auch immer jene endgültige Paranoia schlummert, die schließlich den Endsieg davontragen wird.

Und ich frage mich: ob dem Professor Ickler jederzeit wohl ist, wenn er sich so seine Mitstreiter anschaut?

__

Ach, und dann finde ich noch das. Und ich kann tatsächlich lachen!

"Dr Duuhden hatts doch frieher guht gregelt."

"Das komt dafon wenn Leude das saagen hapen die von Duuhden und Blahsen kaine Anung hapen."

--

Und wer es beim Thema "Rechtschreibung" juristisch (= "Recht und Schreibung") mag, der findet da was sehr Schönes!