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Mittwoch, 28. Juni 2017

Faschismus (ein Versuch)

Nach einer kleinen Auseinandersetzung bei den ZEIT-Kommentaren fragt der Kommentator Madjid Honigwasser unter #95.8 treuherzig, vielleicht aber auch nur voll ironisch:

"Da ich nun keine Seminare zu diesem Thema [Faschismustheorien] gehört habe, wüsste ich nun [...] gerne von Ihnen, zu welchem Begriff sich die Wissenschaftler einig sind."

Ich glaube, die Uneinigkeit oder vielleicht besser: die Breite der Auffassungen in der sozialwissenschaftlichen und historischen Diskussion haben die Wikipedia-Autoren, die die Artikel Faschismus und Faschismustheorien erstellt haben, schon gut herausgearbeitet. Meine viel kürzere Darstellung ist die: 

Wir haben drei Ansätze, wenn um den Begriff Faschismus geht:
  • a) die positiv konnotierte Selbstverwendung des Begriffs durch Faschisten, eigentlich nur historisch noch zu sehen, bei Mussolini und Franco und ihren Anhängern. (Nicht vergessen: In Italien gibt es heute noch Faschisten mit positivem Selbstverständnis!)
  • b) die historisch-wissenschaftlich Verwendung, die sachlich versucht, das Phänomen Faschismus und vor allem die Gründe, die den Faschismus haben entstehen lassen, zu bestimmen
  • c) den Kampfbegriff Faschismus, der von demokratischen, vor allem aber linken Gegnern jeglicher 'rechten Positionen' auf alle möglichen autoritären Bewegungen angewandt wird. Faschismus / Faschist / Fascho ... ist hier vor allem ein Mittel der Beschimpfung und Herabwürdigung des politischen Gegners.
c) hat viele sprachliche Ableger erzeugt: Austrofaschismus, Islamfaschismus, Klerikalfaschismus, Linksfaschismus, Ökofaschismus, usw. Wobei Austrofaschismus eher eine Variante innerhalb von b) ist. Die seltsame Sache, dass die österreichischen Faschisten gegen Hitler waren, zeigt, dass eben nationale Varianten die Verwandtschaften nachdrücklich bestimmen können.

Natürlich haben Führerprinzip und Antidemokratisches viel mit Faschimus zu tun; nur eben -- diesen Vorgaben huldigen beispielsweise auch die überzeugten Anhänger der absoluten Monarchie. Und dass die westliche Demokratie -- Richtung: nur noch gewählt werden sollen, Denken in Legislaturperioden -- ihre Probleme hat, wurde ja auch von den Anhängern die Volksdemokratien betont. Also, schon viel Denkarbeit nötig, um unter b) eine halbwegs saubere Begrifflichkeit zu etablieren.

Merkwürdig ist, dass diejenigen, die Faschismus wie unter c) verwenden, manchmal der Meinung sind, sie würde hier einen quasi wissenschaftlich-analytischen Begriff verwenden. Dabei ist hier Faschismus / Faschist ungefähr so sehr wissenschaftlich wie rote Socken auf der Gegenseite.