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Freitag, 13. Dezember 2013

Sam Keens Leben

Das ist der Kontrast zu den extrem dürren Worten des Wikipedia-Eintrags über Sam Keen. Was für ein erstaunliches, verrücktes Leben sich da andeutet. Mehr ist es ja nicht als nur: Andeutungengewisper.

Hundertfaches Erzählen reicht nicht aus, um all das in den Griff zu bekommen, was eine Autobiographie ausmacht. In meinem Buch To a Dancing God (An einen tanzenden Gott) habe ich erzählt, wie ich in kleinen Städten des Südens aufwuchs; wie ich darum kämpfte, vom Fundamentalismus loszukommen. Ich berichtete von der erregenden Intellektualität Harvards, von den ersten Schritten auf dem Weg zur Entdeckung einer neuen, leidenschaftlicheren Lebensweise, die alles, was ich als junger Professor erlebt hatte, in den Schatten stellte. In einem künftigen Buch möchte ich über die Jahre nach 1969 schreiben, über die Zeit, in der ich nach Westen zog und in den Sog des kalifornischen Wirbels geriet. Es ist eine Geschichte von Liebe und Sex, von Heirat und Scheidung, Drogen und Politik und meinem geringfügigen Wissen um die Heiligkeit flüchtiger Dinge.
Ein Kapitel meiner Autobiographie müßte heißen: »Begegnungen mit berühmten Menschen«. Ich hörte auf, Kind zu sein, als ich lernte, Kierkegaard, Nietzsche und Freud zuzuhören. Und während meiner Zeit in Harvard lernte ich aus Gesprächen mit Paul Tillich, Gabriel Marcel und Howard Thurman. Als ich dem Stab von Psychology Today beitrat, führte ich formal und schriftlich lediglich das weiter, was ich privat schon jahrelang getan hatte ich stellte Fragen, warf Probleme auf, redete, hörte zu. Die Gespräche, aus denen dieses Buch besteht, gehören genau so zu meiner Geschichte wie die berühmten Gummipistolen-Kriege von Maryville/Tennessee, oder meine Liebesaffäre in Istanbul. Die siebziger Jahre begännen für mich mit einer Explosion. Ich näherte mich dem mythischen vierzigsten Lebensjahr. Und dem Archetypus gehorsam, verließ ich mein sicheres Zuhause und begab mich auf die Wanderschaft. Nach siebzehnjähriger Ehe folgte ich einem bezaubernden Zigeunermädchen tief in den Wald, und ehe ich es mich versah, war ich verloren. Das Wir, in dem mein Ich geborgen gewesen war, zerbrach. Scheidung. Und als meine unstete Zigeunerin mir schließlich entglitt, ergriff die Einsamkeit, vor der ich ein Leben lang davongelaufen war, endgültig Besitz von mir. Und das Antlitz des Todes erfüllte die leeren Nächte. (Man ist ein Vereinzelter und ganz allein und wird es immer bleiben.) Im Zuge der Scheidung und des Ortswechsels trennte ich mich vom akademischen Leben und meinen professoralen Tweedanzügen und wurde freier Schriftsteller, Vortragsredner und Gruppenleiter. Dann kamen die kahlen Appartements und die mühsamen Versuche, in einer neuen Stadt Wurzeln zu schlagen und zu lernen, meinen Kindern aus der Ferne Vater zu sein. So viel zu den nüchternen Tatsachen. Wer zwischen den Zeilen lesen möchte, kann die Geschichte der Wandlungen heraushören, welche meinen Geist allmählich besänftigten und meine Phantasie beflügelten.
In dieser Übergangszeit bewegten mich vor allem zwei Fragen. Die erste war: »Was geht überhaupt vor?« Ich befand mich mitten in aufeinander übergreifenden Revolutionen. In den späten sechziger und den frühen siebziger Jahren agierte die Neue Linke in den Universitäten und brachte die Politik wieder auf die Straßen zurück. Die latente humane Bewegung rührte jedes nur denkbare Gefühl auf. Die psychedelische Revolution durchbrach verstopfte Vorstellungen und öffnete alle Schleusen sie war mehr als die Verrücktheit eines Augenblicks. Und überall prophezeiten die Vertreter eines neuen Bewußtseins die Morgenröte eines neuen Zeitalters. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Aufruhr lediglich um das Geburtstrauma des Wassermann-Zeitalters. Unsere nationale Neurose raste auf eine. Krise zu, in der alle repressiven Strukturen wegfallen und wir zu demokratischer Mitbestimmung erwachen sollten, zu einem kosmischen Bewußtsein, einer post-technischen Gesellschaft, einer wieder stammesmäßig geordneten Welt, einer Transformation dem Punkt Omega. Nach einem kurzen Todesschlaf (das Titelblatt von Time ist in gewissem Sinn eine Todesanzeige) erwachte Gott 1970 wieder zum Leben und leitete ein neues Utopia ein. Dies war zumindest die Hoffnung, die der Gegenkultur Auftrieb gab. (Keen, Stimmen. S. 8f.)

Und weil das ein meditativer Akt am Morgen ist -- meine Art zu Meditieren --, doch noch die Stellen aus dem damals Gelesenen in Pixelgrafik.



P. S. Ist es nicht zwangsläufig, dass ich an den Professor Kien aus Canettis Blendung denke?