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Montag, 2. Dezember 2013

Wolfgang Herrndorfs

Eine Wikipedia-Diskussion / -Frage, auch hierher.

Nein, diese Überlegung muss nicht in den Artikel. Aber ich denke, sie ist es wert, hier aufgehoben zu werden, weil sie einige grundsätzlichen Fragen der WP-Artikel herausstellt. -- Aus der SPIEGEL-Vorveröffentlichung aus H.s Blog / jetzt erscheinendem Buch von heute:

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"Die mittlerweile gelöste Frage der Exitstrategie hat eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt. Globuli ja, Bazooka nein. Schwachköpfe. Wir erreichen jetzt den Bahnhof Neubrandenburg. Die Waffe kann ich problemlos in die Hand nehmen. Trommel rausschwenken, Finger in den Rahmen halten, der Lauf, die Züge, Trommel rein, Hahn spannen, Hahn vorsichtig zurückrasten. .357er Smith & Wesson, unregistriert, kein Beschusszeichen. Aber als ich eine Patrone in die Hand nehmen soll, zittert meine Hand, ich fühle ein spitzes, silbernes Ziehen im Hinterkopf. (...) Ich frage mich, ob ich auf dem Fahrrad aufgeregter zwischen den Polizeistreifen hindurchfahren würde, wenn ich nun unlautere Absichten hätte. Kann mich in die Skrupel dieses früheren Lebens nicht mehr hineinversetzen. Ich glaube, ich könnte jetzt Banken überfallen, ohne dass mein Puls über 60 ginge. Die Munition zur Aufbewahrung X. gegeben. […] Ich habe mich damit abgefunden, dass ich mich erschieße. Ich könnte mich nicht damit abfinden, vom Tumor zerlegt zu werden, aber ich kann mich damit abfinden, mich zu erschießen."

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Nun denn, es klingt natürlich so kalt wie hilflos, wenn man an dieser Stelle nachfragt. Aber das heißt ja nicht, dass man nicht fragen muss: Woher hatte H. denn diese Waffe? (Dass er da ein gewisses vertrautes, liebevolles Verhältnis zu "seiner" Waffe anzeigt, kann man vielleicht sogar nachvollziehen.) Und warum haben ihn Freunde und Leser des Blogs nicht davon abgehalten, sich selbst umzubringen. Es war ja im Wortsinn dieser Blog die "Chronik eines angekündigten Todes". Hätten sie, Freunde und Leser, ihn überhaupt abhalten sollen? Manchmal fällt es halt schwer, nicht spekulativ nachzufragen.