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Freitag, 5. Juni 2020

Romantik & Fragment

Das Fragment gilt als das Beispiel für den romantischen Text. Wobei - natürlich hatten die Autoren nicht vor, Fragmente zu schreiben. Sie haben sich schlicht übernommen, waren zu schwach für das Große, dass sie sich vorgenommen hatten. 

Auf der anderen Seite: Manchmal ist das Fragment vielleicht auch die angezeigte Form. Manches in Wirklichkeit, im Leben ist eben dazu bestimmt, Fragment zu sein und zu bleiben.

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Lektüre von Bretanons Godwi. Buch 1, kein Fragment, Fortsetzung dann aber schon. 

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Novalis. Das Thema. Das romantische Fragment || Der Begriff des Fragmentarischen nimmt in der Entwicklung des frühromantischen Denkens und Schreibens eine hervorragende Rolle ein. Und wiederum ist es Friedrich Schlegel, der die entscheidenden Impulse setzt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Idee des Bruchstückhaften und des Unvollendeten als Zeichen und zugleich Werkzeug einer unendlichen Annäherung an das Absolute: "Die romantische Dichtung ist noch im Werden; ja, das ist ihr eigentliches Wesen, dass ewig nur werden, nie vollendet sein kann." Vor dem Hintergrund dieser postulierten Unendlichkeit ist jeder romantische Text, wie lang oder kurz, wie komplex oder einfach auch immer, vor vorneherein als fragmentarisch zu begreifen: Was nicht ausgeschöpft, nicht vollendet, nicht abgeschlossen kann, bleibt per se Fragment. (br.de)

Freitag, 20. September 2019

Jörg Uwe Sauer: Uniklinik

Habe ich das damals wirklich nicht auch hier überliefert? Es stand eine Zeitlang unter meinen Mails. (Schade übrigens, dass der Autor JUS komplett abgetaucht ist. Wahrhaftig ein kleiner, unbekannter Süskind. Aber immerhin - beide, Süskind und JUS, haben vorgemacht, dass das gefräßige Feuilleton irgendwann aufhört nachzufragen, wenn das Abtauchen nur konsequent durchgehalten wird.)


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Mein Zitat des Monats Februar [2018]:

"... Vor seinen Ausländsaufenthalten habe er von
systematischer Forschung nichts gewußt, ja nichts
wissen können, da hier in diesem Land Forschung,
die diesen Namen auch verdiene, gänzlich unbekannt
sei, so der Dekan. Er habe ihm entgegnet, so der
Assistent, Heidegger habe in seinem Spiegelinterview
von neunzehnhundertsechsundsechzig ausgeführt, wenn man
wirklich denken wolle, könne man dies nur auf deutsch,
oder auf altgriechisch. Selbst französische Denker hätten
ihm, also Heidegger, persönlich bestätigt, auf französisch
könnten sie gar nicht denken, sondern immer nur auf deutsch,
oder eben auf altgriechisch, diese Sprachen sprächen."

Jörg Uwe Sauer: Uniklinik. Roman. 1999. S. 30

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Montag, 22. Juli 2019

"Die Theorie des Romans"

Onkel Michael, den ich schon einmal erwähnt habe, sagt: "Ich habe heute morgen nachgeschaut. Das Buch habe ich vor langer Zeit einmal gelesen und bewundert. Also erst einmal die Wikipedia."

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Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik ist eine 1916 in der Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft veröffentlichte literaturtheoretische Studie von Georg Lukács (1885–1971) und gilt als einer der wichtigsten Beiträge zur Theorie des Romans.

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Onkel Michael weiter: "Und dann nichts dazu! Nichts zum Inhalt. Das war's. Wenn ich es könnte, würde ich den Artikel erweitern. Aber -- ich kann mich mit diesem gequälten Zusammenarbeiten, bei dem immer die Besserwisser dahergehüpft kommen und das tun, was sie am besten können, nämlich besser wissen -- nein, das tue ich mir auf keinen Fall an."

Ich habe ihm gesagt, dass er die Sache ja mir geben könnte. Für meinen Blog.

"Mal sehen", war die Antwort. "Mal sehen!"

Jetzt bin ich gespannt. Und weiß nicht, ob ich in vier Wochen nachfragen soll.

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Ich habe dann aus Neugier ein wenig nachgeschaut. Eine Stelle:

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"... So wird alles Tun der Seele sinnvoll und rund in dieser Zweiheit: vollendet in dem Sinn und vollendet für die Sinne; rund, weil die Seele in sich ruht während des Handelns; rund, weil ihre Tat sich von ihr ablöst und selbstgeworden einen eigenen Mittelpunkt findet und einen geschlossenen Umkreis um sich zieht. »Philosophie ist eigentlich Heimweh,« sagt Novalis, »der Trieb überall zu Hause zu sein.« Deshalb ist Philosophie als Lebensform sowohl wie als das Formbestimmende und das Inhaltgebende der Dichtung immer ein Symptom des Risses zwischen Innen und Außen, ein Zeichen der Wesensverschiedenheit von Ich und Welt, der Inkongruenz von Seele und Tat."

Da ist es wieder, das fluffig Raunende, das die deutschsprachige Philosophie so liebt! Und von dem ich schon als Student behauptet habe, die die sagten, sie würden solche Geraune "verstehen", die geben dem Verb verstehen entweder eine Bedeutung, die es für mich nicht hat. Oder: Sie lügen einfach.

Mittwoch, 17. Juli 2019

Kafka, Das Schloss ...

... in einer Kindle-Ausgabe bei Amazon. Ich versuche einen kurzen Hinweis einzurücken. Bis jetzt klappt es einfach nicht. Also hier:

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Nein, kein "verifizierter Kauf". Ich habe mir die Leseprobe angesehen. Liegt es an meinem PC?!

Das im ersten Absatz:

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"auch homoseksueel der schwächste Lichtschein"
" im Wirtshaus war kerel niet wach"
"verwirrt, K. Ter der Wirtsstube"

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"Es war spät abends, als K. Ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch homoseksueel der schwächste Lichtschein deutete bandana große Schloß an. Lange stand K. Auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte, und blickte te die scheinbare Leere empor.
Dann ging er, ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war kerel niet wach, der Wirt hatte zwar kein Zimmer zu vermieten, aber er wollte, von dem späten Gast äußerst überrascht und verwirrt, K. Ter der Wirtsstube auf einem Strohsack schlafen lassen."

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Vorschlag: Buch von der Amazon-Seite nehmen und erst einmal korrekturlesen!

Donnerstag, 20. Juni 2019

Romananfänge

Notizbuch

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„Und gleich auf der ersten Seite entdeckst du, daß der Roman, den du da in Händen hast, nicht das geringste mit dem von gestern zu tun hat.“

So geht es weiter, durch insgesamt zehn Romananfänge. Jedes Mal beginnt eine völlig neue Geschichte, die den Leser fesselt, aber aus den verschiedensten Gründen bricht sie stets an der spannendsten Stelle ab, so dass der Leser sich immer hektischer auf die Suche nach der richtigen Fortsetzung macht. Dabei kommt er zugleich der (Mit-)Leserin immer näher, denn obwohl Ludmilla, wie sie heißt (der Leser bleibt ein namenloses „Du“), ganz andere Lektürevorlieben hat, suchen sie nun gemeinsam nach dem richtigen Buch – und werden natürlich bald ein Liebespaar. (Wikipedia)

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Dienstag, 23. April 2019

Scholarships and Grants

Starting an new novel:

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He wrote: "You are the first (from three) I am asking. If there will be no room and no scholarship, NY will be out of race."

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What's the difference between scholarships and grants?

Both scholarships and grants are forms of gift aid, which is money for college that does not need to be earned or repaid.

Although people often use the terms scholarships and grants as synonyms or interchangeably, there are important differences.

Grants, like the Federal Pell Grant, are usually awarded based on the student’s demonstrated financial need. Such need-based grants are usually awarded by the federal government, state governments and colleges and universities.

Scholarships are usually awarded based on merit, such as academic, athletic or artistic talent. Some scholarships may involve a need-based component, such as the Gates Millennium Scholars program, but the predominant selection criteria are merit-based. Private scholarships are usually awarded by private foundations, community foundations, philanthropists, unions, non-profit organizations and for-profit corporations. (edvisors.com)

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Dienstag, 2. April 2019

Romananfang

Was würde am Ende das wohl für eine Geschichte?

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Ein Mann sieht in einem Halbtraum am Morgen, beim Frühstück -- ein für ihn nicht ungewohnter somnambuler Zustand --, wie ein SS-Mann eine junge Ärztin durch Labore jagt. 

Der SS-Mann schreit, halb lachend: "Hör zu, du musst dich ausziehen! Weil ich es so von dir verlange!"

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Dienstag, 5. März 2019

Romananfang: Horror

Die ersten Sätze eines Horrorromans:

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Obwohl Martin Kern seit seinem vierzehnten Lebensjahr wusste, dass er andere Menschen verfluchen konnte, hatte er noch nie einen Menschen wirklich verflucht. Jetzt, in seinem zweiundfünfzigsten Lebensjahr, machte er zum ersten Mal von dieser Fähigkeit, die er nun einmal hatte, Gebrauch. Aus einem, wie er zwei Tage, nachdem er Konrad Wolf verflucht hatte, selbst fand, vollkommen nichtigen Anlass. Wolf hatte ihm die Stelle als Abteilungsleiter bei Mohrmann weggeschnappt. Mit Hilfe eines einflussreichen Tennisfreundes aus der Geschäftsführung bei der Firma Mohrmann. 

Martin Kern also sagte an diesem Vormittag kurz nach 10 einfach den Satz: "Ich verfluche dich, Konrad Wolf!"

Er sprach diesen Satz ruhig aus. Nur zum Satzende hin wurde seine Stimme ein wenig bestimmter und kräftiger.

Konrad Wolf verunglückte einen Tag später auf denkbar merkwürdige Weise. Auf dem Weg nach Gießen kam Wolf mit seinem Auto in ein schweres Gewitter. Eine Windböe warf einen Baum um, der direkt auf das Auto von Wolf krachte. Wolf war sofort tot. 

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Sonntag, 23. Dezember 2018

Romananfänge: Wunschlos unglücklich

Als sie erwacht war, erinnerte sie sich plötzlich an das, was Robert beim Weggehen gesagt hatte. Sie hörte seine Stimme in ihrem Gedächtnis deutlich klingen, mit einem leisen Echo.

"Ich möchte deinem Unglück nicht im Weg stehen!", sagt Robert. Er lächelt zu ihr her und geht hinaus.

Wie lange war das jetzt her, überlegte sie. Sie zwang sich nachzurechnen. 1987 - 2018. 31 Jahre war das her!

Dann überlegte sie, dass sie darauf wartete, wieder in ein geordnetes, in einem schlichten Sinn: ordentliches Leben zurückzufinden. Sie war der Wende in ihrem Leben ganz nah! Das spürte sie deutlich. Wann endlich würde sie wieder ordentlich sein, so wie damals, als sie mit ihm zusammenlebte?

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»Dusk was falling quickly. It was just after 7 p. m.. and the month was October.«
Patricia Highsmith. A Dog's Ransom


Unter der Rubrik VERMISCHTES stand in der Sonntagsausgabe der Kärntner »Volkszeitung« folgendes:

»In der Nacht zum Samstag verübte eine 51jährige Hausfrau aus A. (Gemeinde G.) Selbstmord durch Einnehmen einer Überdosis von Schlaftabletten.«

Es ist inzwischen fast sieben Wochen her, seit meine Mutter tot ist. und ich möchte mich an die Arbeit machen, bevor das Bedürfnis, über sie zu schreiben, das bei der Beerdigung so stark war. sich in die stumpfsinnige Sprachlosigkeit zurückverwandelt, mit der ich auf die Nachricht von dem Selbstmord reagierte. Ja. an die Arbeit machen: denn das Bedürfnis, etwas über meine Mutter zu schreiben, so unvermittelt es sich auch manchmal noch einstellt, ist andrerseits wieder so unbestimmt, daß eine Arbeitsanstrengung nötig sein wird, damit ich nicht einfach, wie es mir gerade entsprechen würde, mit der Schreibmaschine immer den gleichen Buchstaben auf das Papier klopfe. Eine solche Bewegungstherapie allein würde mir nicht nützen, sie würde mich nur noch passiver und apathischer machen. Ebensogut könnte ich wegfahren -unterwegs, auf einer Reise, würde mir mein kopfloses Dösen und Hemmlungem außerdem weniger auf die Nerven gehen.

Peter Handke, Wunschloses Unglück

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Notiz noch


"Peter Handke | Den Bergschuh im Unterleib || Die Schauspielerin Marie Colbin, frühere Lebensgefährtin von Peter Handke, attackiert den Schriftsteller in einem offenen Brief als machthungrig und gewalttätig." (spiegel.de)

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Dienstag, 4. Dezember 2018

Romananfänge: Ändere ALLES

Johannes Wieland war nach außen hin ein gewöhnlicher Mann, der litt und wartete. Er wartete auf den Geist, den Tag, die Stunde, an dem er sich veränderte. Er war wie eine Frucht, die wartet, dass sie von Gott gepflückt wird. An jedem Morgen, an dem er erwachte, prüfte er sich: War das der Tag der Veränderung?

An dem einzigen Tag, an dem Johannes Wieland am Morgen vergaß zu warten, veränderte sich auf einmal alles in seinem Leben.

Dienstag, 27. November 2018

Kif Kehlmann

Das ist wirklich lustig!



"Es gibt keine Wahrheit, nur Interpretationen. Ohne die Wahrheit sind wir besser dran."




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26. November 2018 | Fakten und Fiktion|  Wenn ich lüge, sind alle zufrieden || Der Erzähler Richard Flanagan Richard Flanagan: Der Erzähler. Roman. Aus dem australischen Englisch von Eva Bonné. Piper Verlag, München 2018. 448 Seiten, 24 Euro. ... Ein Schriftsteller namens Kif Kehlmann wird zum Ghostwriter eines Gangsters und schließlich selber Verbrecher im grotesken Roman "Der Erzähler" des australischen Schriftstellers Richard Flanagan. Von Frauke Meyer-Gosau 

Wenn die Hauptfigur eines Romans ein Schriftsteller mit Namen Kif Kehlmann ist, ahnen wir, dass wir uns auf die Parodie eines Künstlerromans gefasst machen sollten - wie könnte ein bekiffter Kehlmann ein ernst zu nehmender Schriftsteller sein? Genauso kommt es dann auch in Richard Flanagans "Der Erzähler": Allein wenn man zusieht, wie sich der junge Autor anno 1992 in einem Abbruchhaus auf Tasmanien, in dem er mit Frau Suzy und Tochter Bo direkt neben einem Junkie-Treff lebt, seitwärts kopfüber in seinen vollgerümpelten Schreibplatz hineinschrauben muss, um an seinem demnächst hoffentlich weltberühmten ersten Roman zu arbeiten, ist glasklar: Hier regiert das Gesetz der Groteske. Um alles auf die Spitze zu treiben, steht Suzy kurz vor der Geburt von Zwillingen, das Auto sowie häusliche Installationen brechen immer wieder zusammen, und Kehlmann will partout nichts Literarisches einfallen - aus der literarischen wird flugs eine existenzielle Krise, der Schriftsteller muss dringend Geld heranschaffen. | Und schon kommt, zappzarapp, ein Angebot! Zu verdanken hat Kehlmann es seinem Jugendfreund Ray, der inzwischen als Leibwächter des australischen Superkriminellen Siegfried Heidl arbeitet. Der deutschstämmige Betrüger hat australische Banken um 700 Millionen Dollar erleichtert und sieht seinem Prozess entgegen, nach dessen Ende er lebenslänglich im Knast verschwinden wird. Zuvor will "Ziggy" noch seine Autobiografie schreiben und braucht einen Ghostwriter: Kif Kehlmann. Etliche Autoren haben den Auftrag nach kurzer Zeit hingeworfen, Kif aber hat keine Alternative, er braucht die 10 000 Dollar. Und muss in den sechs Wochen bis zum Prozessbeginn Heidls Lebensgeschichte zusammenschustern. (sueddeutsche.de)

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Romananfänge: Der Projektkünstler

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Jonas M. Koslowski war ein -- das Adjektiv ist wahrhaftig angebracht -- begnadeter Mann. Ja, so muss man sagen. Koslowski verstand es, aus dem Chaos seines Alltags Kunst zu machen. Mehr als das: Er verstand es schon in jungen Jahren, sein gewöhnliches häusliches Chaos als sein Markenzeichen, als seinen ureigensten Stil in die Trade-Mark-Bücher des Kunstmarkts einzutragen. Er war, sieht man es so, als junger, unbekannter Künstler mit sich zufrieden, weil er etwas hatte, in dem sich sein Ich überlieferte. Er war ein wahrer, ein richtiger Künstler, denn er hatte seinen eigenen Stil gefunden. Wenig später wurden aus dieser einfachen Uridee jährliche Einnahmen, von denen es sich gut leben ließ. Und wieder 10 Jahre später war Koslowski reich, denn seine Chaos-Werke verkauften sich auf wundersame Weise überall in der Welt und ihr Verkaufspreis stieg von Jahr zu Jahr. Koslowski hatte da schon zwei Angestellte, die sein Haus und sein Atelier perfekt in Ordnung hielten. Denn der Chaos-Künstler JMK, wie er von seiner Galerie in New York genannt wurde, er hatte eine tiefe Sehnsucht nach Reinlichkeit und Ordentlichkeit in sich, eine Sehnsucht, die in einem sehr merkwürdigen Kontrast zu seinem Werk stand. 

So war es also gekommen, dass zwei große Zimmer des Hauses, das Koslowski alleine bewohnte, vorsätzlich in einem chaotischen Zustand gehalten wurden. Hier müssen wir einfügen: Koslowskis Atelierhaus, das als Wohnhaus vollständig ausgestattet war, war das eine. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich ein zweites Haus, in dem des Künstlers wirklich sehr schöne Frau mit den drei gemeinsamen Kindern lebte. Ob er am Abend die paar Schritte nach Hause ging oder in dem Atelierhaus übernachtete, hing ganz von seiner Laune ab. Von der Laune, die seinen schöpferischen Impuls zu nennen, er sich angewöhnt hatte.

Zurück zu dem überaus ordentlich angelegten Atelierhaus mit den Chaos-Zimmern. Ein oder zwei Mal im Monat ging der Künstler Jonas M. Koslowski in diese beiden Zimmer. Er hatte dann stets seine teure Kamera dabei, und er machte einige Aufnahmen, aus denen er, wenn die Räume wieder verschlossen waren, in einem sich hinziehenden Prozess eine einzige Aufnahme auswählte. Dieses Foto wurde zur Grundlage seines nächsten Werks, eines Drucks in kleiner Auflage oder eines mit Acrylfarben gemalten Bildes. Es gab da Zwischenschritte, die Koslowski, als dies endlich möglich war, mit dem Computer erledigte. Was früher zwei, drei Tage gedauert hatte, ließ sich jetzt in einer Stunde ruhigen Arbeitens erledigen: Das ausgewählte Foto wurde in zwei, drei, manchmal aber auch in sieben Farben zerlegt. Es waren nie mehr als sieben Farben, die Koslowski verwendete. Bei den Drucken entstand eine Vorlage in der Originalgröße, und den Rest erledigte eine spezialisierte Druckerei in Frankfurt, seine Hausmanufaktur, wie Koslowski diese Druckerei nannte. Wenn er in seinem Atelier malte verwendete er normale Acrylfarben, die einer seiner Gehilfen ihm von Zeit zu Zeit in einem Baumarkt kaufte. Es stellte sich später heraus, dass diese Baumarktfarben den teuren Künstler-Acrylfarben, was die Farbechtheit anging, in jeder Hinsicht überlegen waren. Die gemalten Bilder versah Koslowski, das sollte man noch erwähnen, mit einem Rahmen, denn er war der Auffassung, dass Bildinhalt und Rahmen eine untrennbare Einheit bildeten, sodass man es nicht dem schlechten Geschmack eines Kunden überlassen durfte, einen vielleicht vollkommen unpassenden Rahmen um ein Bild zu spannen.

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Wer wäre jetzt neugierig, die Geschichte von Jonas M. Koslowski ganz zu lesen? Wahrscheinlich niemand. So ist also diese Skizze vollkommen ausreichend. Denn es gilt ja: Die skizzierten, die unvollendeten Romane sind es, die dem Leben den Herzschlag vorgeben. 

Montag, 19. November 2018

Romananfänge: Rotwein und Schauspieler

Ein Roman aus der Gegenwart könnte so beginnen:

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Mein Freund Armin erzählte mir gestern Abend, nachdem jeder von uns drei Gläser Rotwein getrunken hatte, ohne einen erkennbaren Zusammenhang zum vorausgehenden Gespräch, das Folgende: Er habe Aversionen gegen bestimmte Menschen, die er nur aus dem Zeitungen und aus dem Fernsehen kenne. Erstaunlich sei, dass diese Leute ganz offenbar beliebt seien. Sie hätten es ja immerhin in Filme und ins Fernsehen gebracht! Nun überlege er, ob in dieser Auswahl wohl sein eigenes Lebensproblem sich verberge. Welches Problem das denn sein könne, habe ich gefragt.

"Ich bin, solange ich mich erinnern kann, ein Außenseiter dieser Gesellschaft", sagte der Freund tonlos.

Ich musste lachen: "Du? Ein Außenseiter? Mitglied in allen ortsansässigen Vereinen und mit dem Abonnement von fünf Zeitungen! Außerdem -- heraus mit der Sprache! Wer sind die Leute, die du nicht leiden kannst, obwohl du sie nicht weiter kennst?"

"Eine lange Liste gibt es da ...", sagte mein Freund wieder ganz leise.

Ich war vermutlich zu laut, als ich geantwortet habe -- der Wein, Sie wissen schon. "Mein Gott, ein paar Beispiele. Die, die dir zuerst einfallen!"

"Eckart von Hirschhausen", sagte der Freund. "Wie von dir gewünscht -- einfach mal so herausgegriffen. Ich meine -- 'Er ist Arzt, er ist Kabarettist, er ist lustig und er ist toll', so hat ihn eine Frau mal in einer Talkshow eingeführt. Nur -- ich kann dieses schmale grinsende Gesicht des Herrn Doktor von Hirschhausen einfach nicht ab."

"Weiter? Noch ein Beispiel."

"Til Schweiger. Auch da wieder -- doch allseits beliebt. Aber ich kann den Blick auf dieses grinsende Gesicht nicht aushalten. Dazu die Stimme! Diese seltsam hohe, seltsam flache Stimme. Hinzu kommt, dass ich bei den Schweiger-Titeln das Frösteln bekomme. Ich kann nichts machen."

"Welche Titel?"

"Nun ja -- Erbsen auf halb 6, Keinohrhasen, Zweiohrküken, Kokowääh. Sowas halt."

"Bist du sicher, dass der Schweiger da immer mitgespielt hat?"

"Was? Nein, da bin ich nicht sicher. Ist doch auch egal."

"Vielleicht ein letztes Beispiel? Jemand, der nicht aus Deutschland kommt."

Es hat mich gewundert, wie schnell Armin bis dahin geantwortet hatte. Als ob er das Ganze auswendig gelernt -- zumindest gut vorbereitet hatte. Jetzt zögerte er.

"Ein Amerikaner. Ich -- ich komm nicht auf den Namen. Groß, dunkelhaarig, immer irgendwie traurig. Das mit der Melancholie im Gesicht finde ich normalerweise gut, aber bei dem... Ich komm einfach jetzt nicht auf seinen Namen."

"Tom Hanks?"

"Nein, doch der nicht! Ich meine -- zu meinen Favoriten gehört Hanks auch nicht. Aber ihn meine ich einfach nicht."

"Lebt er noch?"

"Ich denk schon. Ja. Klar doch."

"Oscar?"

"Ja, ich denk schon."

Jetzt war mein Ehrgeiz geweckt und ich habe zum Notebook gegriffen. Was ich sonst nie mache. Ich halte dieses Suchen im Internet für ein Gift für jedes Gespräch. actor male usa oscar winner Ich habe geschaut, dann die Namen auf der Wikipedia-Liste vorgelesen. Ja, und dann hatten ihn."

"Stop!" Sagte Armin. "Der!"

"Aha" , habe ich gesagt.

'69 | Nicolas Cage | Leaving Las Vegas | January 7, 1964 | March 25, 1996

"Und warum magst du Cage nicht?"

"Wenn ich das nur wüsste!" Armin war jetzt recht laut. "Das Gesicht, das Lachen halt. Aber wie ich schon gesagt habe -- ich bin ein Außenseiter."

*

Gestern hat mich Armin angerufen. Er habe es sich durch den Kopf gehen lassen. Nicolas Cage sei nicht länger auf Platz 1 der US-Ablehnung. Ich fragte: Sondern? Armin: Ashton Kutcher! 

Freitag, 9. November 2018

"Verheimlichte Beziehung"

Notzizbuch

Auch so etwas -- etwas Romantisches -- muss einmal festgehalten werden. Er 56, sie 50. Altersmäßig zueinander passend, aber in diesem Alter neu verliebt? Ja, das geht wohl, wie man sieht.

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BLICK hat vorige Woche herausgefunden, dass Gisel seiner Arbeitgeberin, der Raiffeisen Schweiz, eine Beziehung mit Laurence de la Serna (50) verschwiegen hat. Die Chefin der Genfer Flugzeugturbinen-Firma Jean Gallay sass bis vergangenen Juni im Raiffeisen-Verwaltungsrat. In jenem Gremium also, das Gisel überwacht. Und ihn im vergangenen Frühjahr, als sein Stuhl wackelte, nicht absetzte. Kaum war de la Serna nicht mehr im Verwaltungsrat, hat Gisel seinen Rücktritt auf Ende Jahr verkündet. Die Liebschaft ist aus der Perspektive einer einwandfreien Geschäftsführung von Interesse. War de la Serna aus Zuneigung gegenüber Gisel weniger kritisch, als sie es hätte sein sollen? BLICK hat Raiffeisen, de la Serna und Gisel vergangene Woche mit der Liebschaft konfrontiert. Raiffeisen selbst blieb wortkarg: «Wir äussern uns nicht zum Privatleben von Patrik Gisel.» Nur de la Serna stand dazu: «Je suis attachée à Monsieur Gisel et cela depuis peu.» Auf Deutsch: Ja, ich bin mit Herrn Gisel zusammen, aber erst seit kurzem. Was sie damit sagen will: Erst seitdem sie nicht mehr im Raiffeisen-Verwaltungsrat sitze. Gisel antwortete nicht auf die BLICK-Anfrage. Er erzählte jedoch am Freitag intern den Geschäftsleitungs-Kollegen und dem Verwaltungsrat von der Beziehung. (blick.ch)

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Freitag, 5. Oktober 2018

Die Seelen und das Meer

Zitate aus Andreas von Jaretzki, Die Nacht der Delphine, 1971:

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  »Wenn beim Ende einer Beziehung der eine Teile fast alles, und der andere fast nichts verliert, dann war diese Beziehung von Beginn an auf einem gehälfteten Fundament aus Sand und Beton gebaut. Sie hatte von Beginn an keine Chance zu gelingen.«

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  »Damals, als ich über Monate hin allein in Colmar lebte und jeden Tag in die Kirche ging, um mir den Auferstehungsaltar anzusehen, da habe ich meine große Trostlosigkeit überwunden. Ich stand da, mitten in der Kirche, und ich schaute. Während meine Gedanken ganz auf dieses Bild gerichtet waren, verstand ich auf einmal. Ja, auf einmal sah ich den Grund meiner Verzweiflung und mit meinem Schauen löste sich die Verzweiflung auf. Mir war mit einem Mal klargeworden, daß Personen, die doch auf den ersten Blick feste Gestalten haben, so daß sie ständig klar umgrenzt erscheinen, in ihren Seelen dem Meer ähnelten. Wie dieses bestehen auch die Menschen, denen man begegnet, aus der Oberfläche und der Tiefe. Wellen rollen heran. Draußen, dem Auge des Betrachters verborgen, liegen Sandbänke, Gräben und Gebirge. Auch in den Seelen schwimmen Tiere, und manche Tierarten ernähren sich von anderen. Seit dem Tag, an dem ich das erkannte, treffe ich Bekannte und Freunde, und es ist mir, als begrüßte ich sie mit demselben Recht als einzelne, mit dem ich ans Meer trete und sage: Grüß dich, Meer!
  Ich lächle, wenn ich einen Bekannten treffe. Manche haben mir schon gesagt, dass mein Lächeln sie überrascht. Sie fragen, warum ich denn so versonnen lächle. Und ich antworte: ›Ach, es ist nur – ich musste gerade ans Meer denken.‹
  Dann drehe ich mich um, gehe davon und lasse sie mit ihrer Verwunderung allein.«

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Montag, 5. Februar 2018

Über Robert Schneider

Aufruf, über Robert Schneider nachzudenken! Und vorher den klugen kleinen Essay von Andrea Spiegl zu lesen.* Hat es nicht etwas Schönes, ja nachgerade Anheimelndes, wenn ein lang verkannter Autor mit dem ersten Erfolg in den -- vorübergehenden? -- Wahnsinn kippt? Ist es nicht so, dass die meisten anderen Autoren in vergleichbarer Lage sich da nur mit Mühe am Riemen reißen? Loben wir also den Offenen und den Ehrlichen, vereint in der Person des Robert Schneider!

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"Robert Schneider scheint sich nach dem Erscheinen von Schlafes Bruder am Erfolg seines Erstlings geradezu berauscht zu haben. Was von manchen Befürwortern als ironisches Spiel mit der eigenen Person bezeichnet wird, wirkt nur allzu oft schlicht überheblich. So schreibt er [Schneider] beispielsweise ein Telegramm an Jochen Jung, an einen der vielen Lektoren, die Schlafes Bruder ablehnten: „Jochen Jung, Sie großartiger Verlierer, ich küsse Ihnen Ihre enge Stirn.“

Der versprochene zweite Roman ließ dann jedoch auf sich warten. Erst 1998 erscheint Die Luftgängerin im Blessing Verlag. Kurz zuvor tauchen plötzlich Gerüchte um die Rahmenbedingungen dieses Werkes auf: Es heißt, Schneider bekomme einen unerhörten Vorschuss vom Verlag. Sogar von einem Chauffeur und 5-Sterne-Hotels auf Lesereisen ist die Rede. Die Garantiesumme stellt sich schließlich, zumindest nach der Behauptung des Autors selbst, als reine Erfindung heraus.

Dennoch, nach Schneiders eitlem Posieren schürt dies den Unmut der Rezensenten: Zur Luftgängerin erscheinen 85 Rezensionen, 83 davon sind Verrisse. Plötzlich wird nun der bei Schlafes Bruder wenn schon nicht gelobte, dann zumindest tolerierte Unterhaltungswert negativ gesehen: Das Werk 'bedient die sogenannte Klugheit der Herzen, die tiefen Gefühle, die Dummköpfe mit Matura'. Schneider wird ein 'präpotentes Unvermögen' vorgeworfen. Die Luftgängerin sei 'eine Enttäuschung', 'zu mehr als Kitsch und Gestammel hat es leider nicht gereicht'. Auch auf das Spiel mit Formtraditionen wird, wie bei Schlafes Bruder, eingegangen, hier jedoch mehr mit Gehässigkeit als mit Bewunderung: 'Dieses Buch mutet an, als habe ein betrunkener Peter Handke versucht, Hermann Hesse zu parodieren.'" (Homepage Uni Innsbruck / Literaturkritik. -- Zeilenumbrüche von mir. BDLB)


Und dann auch noch vielleicht den Artikel von Thomas Mießgang in der ZEIT von 2014, 'Nach der Offenbarung'. Darin kommt am Schluss RS zu Wort, und er sagt:

"Aber ich glaube ohnehin, dass es mit der Literatur vorbei ist. Weil das Buch einfach ein Medium des 19. Jahrhunderts ist und heute nicht mehr funktioniert. Wenn ich meine Kollegen sehe, die es immer noch wagen, einen Roman zu schreiben – und ich bewundere sie ganz tief –, ist das so ein Ferngefühl, ein Wehmutsgefühl: Sie kämpfen auf so heillos verlorenem Posten."

Was ich nicht wusste und erst da erfahren habe:

"2007 beendet Schneider, der immer mehr in Vergessenheit geraten ist, seine Schriftstellerkarriere. Er wird Hausmann, versorgt seine Kinderschar und widmet sich einem neuen Betätigungsfeld: Dokumentarfilmen."

Dienstag, 17. Oktober 2017

Flaubert-Briefe

Vormals hat der SPIEGEL keine Autoren unter die Artikel gesetzt; alles war "die Redaktion". Heute ist das ja anders. -- Ich bin auf der Suche. War es nicht Gustave Flaubert der mit dem Leichenhaus, der Friedhofskapelle oder sonstwas? Nicht Balzac? Ich stoße auf einen SPIEGEL-Artikel. Flaubert-Briefe wurden 1964 auf Deutsch herausgebracht ...

"Flaubert mietete sich seine lang ersehnte Pariser Wohnung. Er verbrachte jährlich mehrere Wintermonate in der Hauptstadt, wurde von Napoleon III. zum Ball in die Tuilerien eingeladen und - auf Betreiben der von ihm leidenschaftlich verehrten Prinzessin Mathilde Bonaparte - zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. In Croisset hingegen blieb alles beim alten. Zwar hatte er nach der Veröffentlichung der "Madame Bovary" die Schreibtisch-Sklaverei eines halben Jahrzehnts bagatellisiert: "Die Arbeit hat dazu gedient, meine Hand geschmeidiger zu machen; nun auf zu anderen Übungen!" "Aber die Hand blieb auch bei den folgenden Exerzitien schwer, bei dem Roman "Salammbô" (fünf Jahre Arbeit) wie bei der zweiten Fassung der "Education sentimentale", der "Erziehung des Herzens" (sechs Jahre Arbeit), und dem Roman "Bouvard et Pécuchet" (sechs Jahre Arbeit). Denn Flaubert ("Im Grunde bin ich ein Deutscher! Erst durch meine Studien habe ich mich von all meinen nordischen Nebeln gereinigt") liebte nicht nur die "Werke, die nach Schweiß riechen". Er wußte auch: "Wir Schreiberlinge alle ... sind von einer ungeheuerlichen Unwissenheit." Um dieser Unwissenheit abzuhelfen, reiste er wochenlang durch Tunesien und studierte, halb Archäologe, halb Landvermesser, den Schauplatz seines Karthago-Romans "Salammbô". Für seine "Education sentimentale" besuchte er Bestattungsunternehmen und Devotionalienläden und beobachtete diphtheriekranke Kinder im Hospital. Er verschlang immense Massen an Lesestoff und klagte: "Was mich betrifft, so habe ich mir den Magen mit Schmökern verdorben. Ich rülpse Folianten." Flaubert wollte um jeden Preis eine vollkommene Kunst - eine Literatur, die sich dem Leser so unpersönlich darbieten sollte wie ein Stück Natur. Er tat die genialen Schludrigkeiten seines Vorläufers Honore de Balzac ab ("Was für, ein Mann wäre Balzac gewesen, wenn er hätte schreiben können") und fand, "daß ein Romancier nicht das Recht hat, seine Meinung über irgend etwas auszudrücken. Hat der liebe Gott jemals seine Meinung gesagt?" Freilich, sosehr Flaubert sich als Autor in seinen Büchern auch verbarg, - in seinen spontanen nächtlichen Briefen hielt er mit drastischen Meinungen nicht zurück. Er verfluchte die Buchdruckerkunst als "eine der dreckigsten Erfindungen der Menschheit"; er stöhnte: "O, die Literatur! was für ein ständiger Juckreiz ...! Es tut mir unaufhörlich weh, und ich kratze mich mit Wonne"; er schmähte die Menschheit, Frankreich und den Bourgeois, seinen Leser: "Die Menschheit wimmelt auf dem Globus umher wie ein dreckiger Schwarm von Läusen auf einem großen Erdklumpen." || 30.09.1964 FLAUBERT-BRIEFE. Tinte trinken

Mittwoch, 5. Juli 2017

Karl Ove Knausgård 2

Der Roman beginnt so:

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DIE VIERZEHN JAHRE, DIE ICH IN BERGEN LEBTE, von 1988 bis 2002, sind längst vorbei, geblieben sind von ihnen lediglich einige Episoden, an die sich manche Menschen eventuell erinnern, ein Geistesblitz hier, ein Geistesblitz da, und natürlich alles, was mir selbst aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben ist. Doch das ist erstaunlich wenig. Das Einzige, was von den tausenden Tagen noch existiert, die ich in dieser kleinen, gassenreichen, regenschimmernden, westnorwegischen Stadt verbrachte, sind wenige Ereignisse und eine Vielzahl von Stimmungen. Ich führte ein Tagebuch, das habe ich verbrannt. Ich machte ein paar Bilder, von denen besitze ich noch zwölf, sie liegen neben meinem Schreibtisch in einem kleinen Haufen auf dem Fußboden, zusammen mit all den Briefen, die ich in dieser Zeit bekam. Ich habe in ihnen geblättert und hier und da ein paar Zeilen gelesen, was mich immer deprimiert, es war eine so fürchterliche Zeit. Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande. Aber in welch einer Stimmung ich war, als ich dorthin ging! Ich war in jenem Sommer mit Lars nach Florenz getrampt, wo wir ein paar Tage blieben und anschließend den Zug nach Brindisi nahmen, und wenn man den Kopf aus dem offenen Zugfenster steckte, war es so heiß, dass man das Gefühl hatte, es würde brennen. Nacht in Brindisi, dunkler Himmel, weiße Häuser, eine nahezu traumartige Hitze, riesige Menschenmengen in den Parks, überall junge Leute auf Vespas, laute Rufe und Lärm. Wir stellten uns mit unzähligen anderen, die fast alle jung waren und Rucksäcke trugen, in die lange Warteschlange vor dem Steg zu dem großen Schiff, das nach Piräus fuhr. 49 Grad auf Rhodos.

Knausgård, Karl Ove: Träumen. Roman. S.7-8. Luchterhand Literaturverlag. Kindle-Version. 

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Was fällt mir als erstes ein? 

Direkt, persönlich, schnörkellos. Und dann -- autobiographisch? Was für ein merkwürdiges Wort. Das kann dem eigenen Leben abgelauscht sein. Es kann aber auch eine absolut fiktive Erzählung sein. 

Ein interessanter Gedanke, eine Story-Theorie-Grundlage: Jemand, der vorgibt, sein Leben zu erzählen, beschreibt eine absolute Fiktion. Und dann natürlich auch: umgekehrt -- eine vermeintliche vollkommen fiktionale Erzählung ist die absolut authentische Schilderung des eigenen Lebens. Des Autors, nicht des Erzählers!

Dienstag, 21. Februar 2017

Indirekte Rede: Wie ein Krimi

Auch wenn es makaber klingt, aber: So sollte ein Krimi beginnen! - Sehr stark: "Ob Alexander H. gleich tot gewesen sei? Antwort: 'Was heißt gleich?'"

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Als die Mordkommission an jenem Januarmorgen bei ihr klingelte, reagierte sie überrascht. Auf die Frage, wo die Leiche liege, habe sie mit einer vagen Handbewegung zum Garten gedeutet und "draußen beim Kompost" gesagt. Ob das gegrabene Loch tief sei? Nicht so tief, habe sie gesagt. Nur bei der Frage, ob noch mehr Leichen im Garten seien, schreckte sie hoch. "Nein. Der Alex ist der Einzige." Die Tatwaffe? Da habe sie mit der Hand eine Kreisbewegung gemacht und gesagt: "So ein Ding, mit dem man Bretter schneidet." Wo sie ihren Freund geschnitten habe, wollte der Kripomann wissen. Sie deutet auf seine Brust. Ob Alexander H. gleich tot gewesen sei? Antwort: "Was heißt gleich?" Mutter Marianne H. zittert am ganzen Körper und weint. Der Prozess wird fortgesetzt. (sueddeutsche.de)

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Nachbearbeitet: 12.10.2018

Freitag, 28. Oktober 2016

Hemingway, 'The Od Man' -- Formal

Manchmal macht es Spaß, berühmte Bücher formal zu betrachten. Also Hemingway, The Od Man:
  • Words per Sentence: 14.3 | 35% have fewer | 65% have more
  • Number of Characters: 138,038 | 20% have fewer | 80% have more
  • Words: 27,315 | 23% have fewer | 77% have more
  • Sentences: 1,912 | 27% have fewer | 73% have more
Jetzt ist nur die Frage: Ist das korrekt? Sodann: Wie viele Wörter hat die deutsche Übersetzung?

Was die erste Frage angeht: "Die 26.500 Wörter umfassende Novelle erschien zuerst ungekürzt am 1. September 1952 im Life Magazin. [Diese Angabe bezieht sich auf die amerikanische Erstausgabe] (Wikipedia) Wurde denn da irgendwann zur Erstausgabe was dazugeschrieben?

Um die Antwort auf die zweite Frage bemühe ich mich. Dahinter steht die generelle Frage: Verhältnis / Wortanzahl: Originaltext : deutsche Übersetzung?