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Mittwoch, 5. Juli 2017

Karl Ove Knausgård 2

Der Roman beginnt so:

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DIE VIERZEHN JAHRE, DIE ICH IN BERGEN LEBTE, von 1988 bis 2002, sind längst vorbei, geblieben sind von ihnen lediglich einige Episoden, an die sich manche Menschen eventuell erinnern, ein Geistesblitz hier, ein Geistesblitz da, und natürlich alles, was mir selbst aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben ist. Doch das ist erstaunlich wenig. Das Einzige, was von den tausenden Tagen noch existiert, die ich in dieser kleinen, gassenreichen, regenschimmernden, westnorwegischen Stadt verbrachte, sind wenige Ereignisse und eine Vielzahl von Stimmungen. Ich führte ein Tagebuch, das habe ich verbrannt. Ich machte ein paar Bilder, von denen besitze ich noch zwölf, sie liegen neben meinem Schreibtisch in einem kleinen Haufen auf dem Fußboden, zusammen mit all den Briefen, die ich in dieser Zeit bekam. Ich habe in ihnen geblättert und hier und da ein paar Zeilen gelesen, was mich immer deprimiert, es war eine so fürchterliche Zeit. Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande. Aber in welch einer Stimmung ich war, als ich dorthin ging! Ich war in jenem Sommer mit Lars nach Florenz getrampt, wo wir ein paar Tage blieben und anschließend den Zug nach Brindisi nahmen, und wenn man den Kopf aus dem offenen Zugfenster steckte, war es so heiß, dass man das Gefühl hatte, es würde brennen. Nacht in Brindisi, dunkler Himmel, weiße Häuser, eine nahezu traumartige Hitze, riesige Menschenmengen in den Parks, überall junge Leute auf Vespas, laute Rufe und Lärm. Wir stellten uns mit unzähligen anderen, die fast alle jung waren und Rucksäcke trugen, in die lange Warteschlange vor dem Steg zu dem großen Schiff, das nach Piräus fuhr. 49 Grad auf Rhodos.

Knausgård, Karl Ove: Träumen. Roman. S.7-8. Luchterhand Literaturverlag. Kindle-Version. 

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Was fällt mir als erstes ein? 

Direkt, persönlich, schnörkellos. Und dann -- autobiographisch? Was für ein merkwürdiges Wort. Das kann dem eigenen Leben abgelauscht sein. Es kann aber auch eine absolut fiktive Erzählung sein. 

Ein interessanter Gedanke, eine Story-Theorie-Grundlage: Jemand, der vorgibt, sein Leben zu erzählen, beschreibt eine absolute Fiktion. Und dann natürlich auch: umgekehrt -- eine vermeintliche vollkommen fiktionale Erzählung ist die absolut authentische Schilderung des eigenen Lebens. Des Autors, nicht des Erzählers!