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Freitag, 30. Oktober 2020

Gerhard Schröder, Hagebutten & Rilke


... Echter Höhepunkt sind die Filme. Wir sehen Gerhard Schröder, wie er an der abendlichen Tafel sonor Rilke zitiert ("Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr …"), während die Kamera liebevoll über herbstliche Gestecke gleitet, bis wir den rezitierenden Hausherrn vor einem Teller mit Kartoffelsuppe sitzen sehen. Wir sehen Gerhard Schröder, wie er seiner Frau die Vorteile und Tücken der Hagenbutten schildert ("Ich will Dir nur sagen, das sind Hagebutten …"), als käme die Pflanze nicht - wie auch seine Frau - ursprünglich aus Korea. (spiegel.de)

Hier tadelt der Besserwisser liebevoll den Besserwisser. Und ich überlege, ob Hagebutten wirklich aus Korea kommen?! Intuitiv leuchtet mir das nicht ein. Wer hat die denn nach Europa gebracht? So wohlschmeckend sind die Hagebutten ja nun auch wieder nicht. Und wer mal Althochdeutsch lernen musste -- hag(e) klingt nach sehr altem Deutsch, nicht nach Koreanisch.

Also - mal nachsehen.

...

Auf die schnelle nichts gefunden. Kein Korea nirgends, sozusagen. Dafür aber Weiteres, das besser gewusst ist: 

"Eine 'Herbstpflanze', wie Schröder sagt, sind Hagebutten übrigens nicht. Sie blühen im Sommer und tragen ihre Früchte im Herbst." (n-tv.de)

Also was? Eine - Normalpflanze sozusagen?

Und dann doch: 

"Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet von Rosa rugosa reicht von den chinesischen Provinzen östliches Jilin, Liaoning sowie nordöstliches Shandong über Korea und Russlands Fernen Osten bis Japan. Sie wird in vielen Gebieten der Welt angepflanzt und gilt in weiten Bereichen als invasive Pflanze." (Wikipedia)

Ich merke kurz an: Da geht einiges durcheinander. Aber das werde ich jetzt nicht auflösen.

Montag, 22. Juli 2019

"Die Theorie des Romans"

Onkel Michael, den ich schon einmal erwähnt habe, sagt: "Ich habe heute morgen nachgeschaut. Das Buch habe ich vor langer Zeit einmal gelesen und bewundert. Also erst einmal die Wikipedia."

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Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen der großen Epik ist eine 1916 in der Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft veröffentlichte literaturtheoretische Studie von Georg Lukács (1885–1971) und gilt als einer der wichtigsten Beiträge zur Theorie des Romans.

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Onkel Michael weiter: "Und dann nichts dazu! Nichts zum Inhalt. Das war's. Wenn ich es könnte, würde ich den Artikel erweitern. Aber -- ich kann mich mit diesem gequälten Zusammenarbeiten, bei dem immer die Besserwisser dahergehüpft kommen und das tun, was sie am besten können, nämlich besser wissen -- nein, das tue ich mir auf keinen Fall an."

Ich habe ihm gesagt, dass er die Sache ja mir geben könnte. Für meinen Blog.

"Mal sehen", war die Antwort. "Mal sehen!"

Jetzt bin ich gespannt. Und weiß nicht, ob ich in vier Wochen nachfragen soll.

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Ich habe dann aus Neugier ein wenig nachgeschaut. Eine Stelle:

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"... So wird alles Tun der Seele sinnvoll und rund in dieser Zweiheit: vollendet in dem Sinn und vollendet für die Sinne; rund, weil die Seele in sich ruht während des Handelns; rund, weil ihre Tat sich von ihr ablöst und selbstgeworden einen eigenen Mittelpunkt findet und einen geschlossenen Umkreis um sich zieht. »Philosophie ist eigentlich Heimweh,« sagt Novalis, »der Trieb überall zu Hause zu sein.« Deshalb ist Philosophie als Lebensform sowohl wie als das Formbestimmende und das Inhaltgebende der Dichtung immer ein Symptom des Risses zwischen Innen und Außen, ein Zeichen der Wesensverschiedenheit von Ich und Welt, der Inkongruenz von Seele und Tat."

Da ist es wieder, das fluffig Raunende, das die deutschsprachige Philosophie so liebt! Und von dem ich schon als Student behauptet habe, die die sagten, sie würden solche Geraune "verstehen", die geben dem Verb verstehen entweder eine Bedeutung, die es für mich nicht hat. Oder: Sie lügen einfach.

Sonntag, 17. Februar 2019

Kriminelle Clans

Notizbuch

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Gemessen in Quadratmetern, besteht dieser Verlust nur aus ein paar Straßen auf dem Kiez, bei denen sich die Frage stellt, wer hier das Sagen hat, Polizei oder Clans. Es gibt deshalb Stimmen wie die des früheren Bundesrichters Thomas Fischer, die Clans seien doch nur die nächste Sau, die durchs hysterische mediale Dorf getrieben werde. In Wahrheit alles halb so wild.

Genauso gut könnte man aber auch verfechten, dass kein Mordfall, keine Vergewaltigung, kein Kindesmissbrauch der Rede wert ist, weil auch das, gemessen an 83 Millionen Deutschen, nur ein Mikroausschnitt der Wirklichkeit ist. (spiegel.de)

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Jaja, der Herr Fischer mal wieder. Mit seiner besserwisserischen Logik. Und dem Gestus, dass nur er, der Jurist, die Welt versteht und die Dinge einordnen kann.

Montag, 28. Mai 2018

Eine Yucca-Palme vermehren

Das Internet als Universalratgeber!

Die Yucca-Palme* in der Ecke wird einfach zu hoch. Kann ich sie abschneiden und gleichzeitig vermehren? Das Internet weiß Rat:

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"Zerteilen Sie den Stamm der Yucca mit einem scharfen Messer oder einer Säge in 20 bis 30 Zentimeter lange Stücke und merken Sie sich gut, wo oben und unten ist. Wenn Sie das anhand der Oberflächenstruktur nicht zuverlässig erkennen können, sollten Sie das obere Ende einfach mit einem Bindfaden oder einem Pfeil markieren. Den Pfeil können Sie mit einem dicken Filzstift auf die Rinde zeichnen.

Die Stammbasis mit dem Wurzelballen setzen Sie nach dem Abschneiden der langen Triebe am besten in frische Erde um und verstreichen die Schnittwunden anschließend mit Baumwachs. Es verhindert, dass das faserige, feuchte Gewebe zu stark austrocknet. An einem warmen und hellen, nicht zu sonnigen Platz auf der Fensterbank treibt die Yucca dann schnell wieder aus und bildet einen neuen grünen Blattschopf.

Die unbewurzelten Stamm- oder Triebstücke der Yucca werden ebenfalls oben mit Baumwachs verstrichen und mit etwa einem Drittel bis einem Viertel ihrer Länge in kleine Töpfe mit einem Gemisch aus Sand und humusreicher Anzuchterde gesetzt. Anschließend gießen Sie die Stammstecklinge gut an und decken sie inklusive Topf mit lichtdurchlässigen Folienbeuteln oder Plastikflaschen ab. Sie brauchen ebenfalls einen warmen und hellen, nicht zu sonnigen Platz auf der Fensterbank und müssen gleichmäßig feucht gehalten werden. In der Regel zeigen die Yucca-Stecklinge dann schon nach drei bis vier Wochen neue, zarte Austriebe. Ab diesem Stadium können Sie die Folie entfernen und die Pflanzen ein wenig düngen.

Sobald die Blattschöpfe gut ausgebildet sind, werden die neuen Yuccas dann in größere Töpfe mit normaler Blumenerde umgesetzt. Die beschriebene Vermehrungsmethode funktioniert übrigens auch beim Schraubenbaum (Pandanus) und beim Drachenbaum (Dracaena). Übrigens: Die oft verwendete Zeichnung Yuccapalme rührt daher, dass der Stamm der Pflanze dem der echten Palmen ähnelt. Es handelt sich bei der Yucca jedoch um eine sogenannte Palmlilie, die zur Familie der Spargelgewächse gehört. Mit den richtigen Palmen ist sie botanisch nicht verwandt." (mein-schoener-garten.de)

Ich werde das, auf meine eigene Verantwortung, einmal noch viel schlichter ausprobieren. Ich schneide, nein, säge, denn fürs Schneiden sind die Triebe zu dick – ich säge also die hohen Triebe ab und setze sie, so wie sie sind, einfach in die Erde. Ich glaube – sagt meine Intuition – ich kann da nicht viel falsch machen. Die Yucca-Palme ist ja der Löwenzahn unter den Wohnzimmerpflanzen. Lebensstark und einfach unverwüstlich. :-)

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So ganz nebenbei erfährt man, dass man die Yucca-Palme nicht so nennen darf. "Die Yucca, fälschlicherweise auch Yuccapalme genannt ...". Ich sage da nur: Ach, es hat sich doch so schön eingebürgert, dass mit der Yucca-Palme. Warum denn im Namen und besserwisserischer kleiner Wissenschaft dem Volk seine Angewohnheiten nehmen? Dass das keine wirkliche Palme ist, ja Gott, das sieht doch jeder! Und wenn einer den Wal gerne Walfisch nennt, ja was ist denn schon dabei? – Das publizieren wir jetzt einmal unter „Das Internet der Besserwisser im Namen der Wissenschaft“.

Mittwoch, 15. November 2017

Verona Pooth

"Verona Pooth hatte in der Diskussionsrunde um Sexismus darauf hingewiesen, dass auch ihr "solche Dinge widerfahren" seien: "Aber nie eine Nötigung in einer Form, die mir einen Schaden zugefügt hat." Man dürfe "verführerisch aussehen, aber man darf nicht angefasst werden", sagte Pooth in der Sendung."

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"Später sagte Pooth der "Bild"-Zeitung zum kritisierten Kameraschwenk: 'Der arme Kameramann - warum soll er denn nicht diesen Schwenk machen? Das ist sicher nicht sexistisch.' Die ARD hatte sich bereits 2015 mit einer Kamerafahrt über die Beine der FDP-Politikerin Katja Suding in der 'Tagesschau' Sexismusvorwürfe eingehandelt. Der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, entschuldigte sich damals und schrieb: 'Der Beine-Schwenk gehört auf den Index.'"


Mittwoch, 21. September 2016

Neue Sprachkleider

Wie ist es nun? Sind Geisteswissenschaftler generell -- und manchmal sogar MINT-Wissenschaftler -- aufgeblasene Sprachbastler?

"Sie [die Wissenschaftssprache] verpackt ganze Gedankengebäude in einem Wort, schützt vor Vereinfachung, führt uns zu Erkenntnissen – warum Wissenschaftssprache unverzichtbar ist. | Die Sprache der Wissenschaft ist oft hässlich, umständlich oder aufgeblasen; darin kann man Yascha Mounk nur zustimmen. Für den Studenten eines Faches besteht häufig die ärgerlichste (manchmal aber auch einzige) Hürde darin, die Ausdrucksweise dieses Faches zu erlernen; in der Abschlussarbeit wird dann geprüft, ob er Dinge, die er zuvor einfacher hätte sagen können, auch genauso abstrakt und verblasen formulieren kann, wie es Standard seines Faches ist. Wer das Glück oder das Pech hat, dass sich im Laufe seines Studiums die Theoriemode ändert (auch Wissenschaften unterliegen der Mode), kann sogar erleben, wie mühsam erarbeitete Begrifflichkeiten über Nacht entwertet und durch neue Sprachkleider ersetzt werden, die nunmehr den alten Erkenntnissen übergezogen werden müssen." (zeit.de)

Montag, 25. Juli 2016

Eine längere Anmerkung in der Wikipedia

Noch einmal eine längere Anmerkung in der Wikipedia, heute: 14 Uhr 39. Zur Löschdiskussion von Marcus da Gloria Martins. (Demnächst im Archiv eben dort.) Ein Eintrag möglicherweise: bevor ich bei der WP aussteige. Es sind mir einfach zu viele Menschen da unterwegs, die anderen laut Vorschriften machen, in ihrem Diskursvermögen erkennbar aber nur das Wikipedia-Abitur haben.

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@Matthiasb, oben. "Die Kategorie:Arbeitsloser ist ganz, ganz leer." 

Eine Kategorie muss Arbeitsloser wirklich nicht sein, aber, jetzt ganz ernst: Diese Bemerkung, die wahrscheinlich als durchschlagend-selbsterklärend gemeint ist, zeigt für mich das Problem hier auf, nur exakt in die gegenteilige Richtung. Natürlich ist Arno Dübel kein 'an und für sich' historisch wichtiger Mann, aber er stand (für Leute mit halbwegs gutem Gedächtnis: steht) als Name für ein Phänomen, das öffentlich heftig diskutiert wird: für den gutgelaunten Arbeitslosen, der sich in die sogenannte "soziale Hängematte" gelegt hat und der dafür, je nach Standpunkt der Betrachter, bewundert oder geschmäht wird. Heißt für mich und bezogen auf das Problem hier: Es gibt 'herausragende Exemplare' von normalen Menschen, die genau wegen dieser punktuellen Hervorgehobenheit in die WP gehören. Das entscheidende Beispiel: Alexei Grigorjewitsch Stachanow. War Arbeiter, hat seine Pflicht getan, nicht mehr und nicht weniger. Wurde aber zum großen Symbol für den 'herausragend guten Arbeiter'. Von wegen "hat nur seine Pflicht getan"! -- Auch das noch: Die hier oft beschworene Kategorie der 'lang andauernden Relevanz' einer Person (manche bemühen sogar das etwas depperte Modewort 'nachhaltig' an dieser Stelle) ist für mich ziemlich unsinnig, weil dieses Kriterium, außer ad-hoc, von den Leuten mit dem zu großen Selbstbewusstsein, inhaltlich kaum auch nur ungefähr zu bestimmen ist. Ich meine, wen interessiert sub specie aeternitatis schon Thomas Eßer? Soll er, weil sich kaum jemand für ihn interessiert, aus der WP eliminiert werden? Oder worin besteht der überzeitliche Wert von Daniele Negroni? -- Ich mache hier mal einen Vorschlag: Die WP sollte, was LA und Relevanz von Personen / Einträgen angeht, unbedingt zu objektivierbaren Kriterien übergehen, um vollkommen sinnlosen Streitereien aus dem Weg zu gehen. (Eine Lektüre des Artikels zur Operationalisierbarkeit von Definitionen kann hier helfen.)  Auch, um von dem unseligen Kriterium des überbordenden Selbstbewusstseins einzelner Diskursteilnehmern (Was relevant ist, weiß ich natürlich am besten!') wegzukommen. Zwei objektivierbare Kriterien bieten sich an: a) Anzahl der Suchmaschinen-Einträge zu Bezeichnung + Kategorie. Hier also: Marcus da Gloria Martins, pressesprecher polizei münchen = 356.000 Treffer [soeben] -- Anzahl der Suchaufrufe bei der Wikipedia: s. oben. Wobei das Kriterium 'Anzahl der Suchaufrufe' für mich das entscheidende ist. Welcher noch so selbstbewusste Platzhirsch hier will den Leuten denn bitte vorschreiben, was sie zu fragen bzw. bei der Wikipedia nachzuschlagen haben? Wenn es ein Generalgebot für die WP geben sollte, dann doch wohl dies: 'Die WP gibt Antworten auf die Fragen, die Menschen haben.' Und niemand sollte sich mit präpotenter Haltung anheischig machen, die Welt für die Menschen vorab in wichtig und unwichtig zu gliedern. Auch wenn die Versuchung des Welteinteilens für Menschen, die sich gerne über die anderen erheben, natürlich riesengroß ist. . -- Kleiner Nachtrag: "Unsere Kriterien taugen nur solange etwas, wie wir die einigermaßen gleich bei jedem anwenden, nur dann ist das hier gerecht." Die WP-Kriterien sind, wie sollte es anders sein, quasi-juristisch formuliert. Und jedem Juristen ist dann klar, dass sie einen Inhalt erst durch die Interpretation der Worte und Redewendungen haben, nicht vorher und nicht unabhängig von dieser Interpretation. Der Glaube, das, was man selbst in einer Regel sieht, sei schon die richtige Interpretation ist, pardon: schlicht naiv.

Es geht dann noch ein wenig weiter, nämlich so:

Sich bei persönlichen Angriffen (ich werde als „naiv“ bezeichnet) hinter einem No-Link zu verkriechen, ist ziemlich daneben und entspricht nicht unseren Verfahrensweisen, welhab ich das rekonstruiert habe. Im übrigen hat sich der User selbst desavouiert mit seinem Geschwurbel: Selbstverständlich versuchen wir bei Löschdebatten beispielsweise die RK gleichermaßen anzuwenden, um so gerecht wie möglich zu sein. GT (Butter bei die Fische!)

Ich gebe zu bedenken:

"Sich bei persönlichen Angriffen (ich werde als „naiv“ bezeichnet) ..." Wo ist da bitte ein No-Link, und wer versteckt sich da? Ist doch alles prima unterschrieben. Und das mit dem naiv -- das keineswegs eine Beleidigung ist --, das ist doch gut begründet. Da erwarte ich was Inhaltliches dagegen und keine leeren Überempfindlichkeiten. Grüße nach Gütersloh!

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Wer hat Recht / recht?

Wie schreibt man das denn nun neuerdings? Er hat Recht / recht. Ein schöner Fund, wert aufgehoben zu werden:


Kommentar von Stefan Stirnemann, verfaßt am 03.01.2006 um 21.07 Uhr

Mit dem Spiegel verhält es sich so. Er will den Empfehlungen des Rates für Rechtschreibung folgen. Der Rat empfiehlt aber in sehr vielen Fällen, verschiedene Möglichkeiten gelten zu lassen. Herr Aust muß also festlegen, welche der empfohlenen Möglichkeiten er übernimmt. Wenn er das wählt, was bis 1996 üblich war, wählt er in den meisten Fällen gut, aber er folgt damit eigentlich den Empfehlungen des Rates nicht, welcher ja die Reform möglichst leben lassen möchte.

Man kann freilich den Empfehlungen oft gar nicht folgen, da sie so schlecht sind. Es gibt im Rat für Rechtschreibung zuwenig Sprachwissenschaftler, die in der Lage sind, die Geheimnisse von freisprechen und Kopf stehen zu erfassen.

Das ‚Recht haben’ wird der Rat wahrscheinlich ändern. Wie ich kürzlich nebenan schrieb, sagte auf der letzten Pressekonferenz des Rates für Rechtschreibung Prof. Eichinger, Leiter des famosen Instituts für deutsche Sprache: „Recht haben ist sicher so was Ähnliches wie leidtun, das ist irgendwie fehl eingeordnet worden, kann man fast sagen.“

Peter Müller war so liebenswürdig, den Wortlaut der Konferenz aufzuschreiben.

Man bedenke, was für Kosten solche „Fehleinordnungen“ verursachen. Schon allein deswegen dürfen die Lehrer nicht einfach still sein: sie müssen den Schulleitern und Eltern sagen, was los ist, und sie davor warnen, neue Wörterbücher zu kaufen. Vor allem aber geht es um unsere Sprache. Ängstlich muß man nicht sein. Wird sich ein Kultusminister oder Erziehungsdirektor darauf einlassen, vor Gericht über Wortarten zu streiten? Und wenn sich einer darauf einläßt, wird es sicher sehr unterhaltsam.

Teilnehmer der Unterhaltung wäre Konrad Duden: „In: ich habe recht und ich habe unrecht schwankt die Schreibung, offenbar weil man nicht wie haushalten, teilnehmen auch rechthaben und unrechthaben zu schreiben pflegt. Doch ist die Verbindung beider Wörter zu Einem Begriff darum nicht minder innig, und der Schreibung mit kleinem Anfangsbuchstaben ist daher der Vorzug zu geben.“

Dienstag, 13. Oktober 2015

BILD? Aus is!

Ich habe eigentlich jeden Tag einmal bei BILD Online vorbeigeschaut. Vielleicht meine Sensationsgier? Aber mindestens auch das Bedürfnis, Volkes Stimme bzw. die Vertreter von Volkes Stimme zu hören -- na ja, zu lesen. Und dann ist da noch die sprachliche Kreativität der BILD-Redaktion, nicht nur bei "Wir sind Papst!"

Gegen BILD-Basher hatte und habe ich was. Das Dünkelhafte, Besserwisserische ist mir zuwider. BILD verkauft, und die Käufer sind wahrscheinlich eher schlicht gestrickte Menschen. Aber das Hochnäsige des Bildungsbürgers ist kaum zu ertragen. Manche der BILD-Basher scheinen zu glauben, nur weil sie auf BILD schimpfen, stiege ihr IQ und ihr Argumentationsvermögen um mehrere Punkte. Und die Unterstellung, BILD verführe die schlichten Menschen! Nein, die Menschen sind schlicht, und sie wollen in der ihnen gemäßen Sprache und Aufmachung das lesen, was sie eh schon denken. (Das ist ja bei taz-Leserinnen auch nicht anders.)

Aber nun -- BILD will Kohle sehen. Wenn nicht über BILD+, dann über die Werbung. Heute also:


Ja, ihr Lieben, das, das ist dann wohl das Ende einer alten Freundschaft.

--

Nachtrag (14.10.2015, 16:25). Eben gesehen: Der SPIEGEL berichtet gesondert über das BILD-Angebot.

Sonntag, 9. November 2014

RAF-Schillys vs. Innenminister-Schillys

In der Wikipedia, Menschenrechte / Kritik lese ich gerade:

"Als Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 sind im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Terrorismus in vielen Ländern der westlichen Welt viele Antiterrormaßnahmen beschlossen worden, die von Kritikern als unzulässiger Eingriff in die Privatsphäre und die Vorstufe zu einem Überwachungsstaat angesehen werden."

Schön. Aber warum wird nicht schlicht klargemacht, dass man nicht alles haben kann, die Freiheit und die Sicherheit zu gleichen und extrem großen Teilen? Wenn Kriminelle (Wirtschaftskrimininelle, einfach Kriminelle (Kinderpornografen, Internet-Räuber usw.) und Terroristen die Freiheit nutzen, wo positionieren wir uns dann? Die Sorte von Politik-Kritikern, die mit dem Motto "Wir wollen alles und noch viel mehr!" bzw. "Wasch mir den Sicherheitspelz, aber mach' meine Freiheit nicht nass!" auftreten, die sind doch fein raus, weil sie nicht für die Sicherheit verantwortlich sind. Wären sie es, dann würden wahrschein auch hier die RAF-Schillys ganz schnell zu Innenminister-Schillys.
.

Freitag, 4. Oktober 2013

Kommentare, gecancelte

Mittagspause mit Blick in die ZEIT vom 2. Oktober. Viele wichtige Artikel, zu wenig Zeit um sie alle zu lesen. Am Ende die Frage, zu was ich etwas sagen will.
  • Robert Gast: Expedition zum Urknall. (Übersichtsartikel über die Fortschritte und Probleme der Grundlagen-Physik; noch nicht online)
  • Jan Schweitzer: Kein Kommentar (Popular Science Online schaltet die Kommentar-Funktion ab)
  • Reinhard Osterroth / Sarah Schaschek: Er schreibt, wie es war (Klaus Kordon erzählt Geschichte in Geschichten)

Die Sache mit Kordon ist mir – persönlicher Grund, weil ich an einem sehr speziellen Geschichtsbuch schreibe – am nächsten. Die Sache mit dem Urknall ist sicherlich der Artikel mit der größten Tragweite und Relevanz. Dennoch fällt meine Wahl auf die Sache mit der Abschaltung der Kommentar-Funktion. Man hat also bei Popsci und anderswo herausgefunden, dass starke, laute Meinungsäußerungen oft die Wahrheitsfindung stören, gar verhindern. Das lässt jetzt fragen, wie es mit der Wikipedia und ihrem Fakten- und Relevanz-Modell steht. Ich hatte ja immer im Verdacht, dass auch in der Wikipedia diejenigen, die am lautesten sind, bestimmen, was Fakt ist und was überhaupt behandelt wird = einen Artikel bekommt. Auf diese Idee sind also auch noch andere gekommen. Schau an!

Und immerhin -- steht auch bei Jan Schweitzer: Die Leser dürfen die Popsci-Entscheidung kommentieren! Schaun wir doch mal hin!

Und sehen wir uns die Begründung für das Abschalten genauer an.

Why We're Shutting Off Our Comments. 
Starting today, PopularScience.com will no longer accept comments on new articles. Here's why.

Freitag, 10. Mai 2013

An die Allwissenden!

"Nur die, die eines schlichten Geistes sind, glauben, dass sie wissen, was wichtig ist und was nicht." (F. N.)

Dienstag, 30. April 2013

Technik-Diskussionen: PC-Lüfter ölen

Dieses Muster sieht so aus: Frage wird gestellt -- Experten (Theoretiker) antworten: Frage ist Unsinn oder falsch gestellt -- Experten (Praktiker) antworten: Man macht es so. Ich hab da Erfahrungen gesammelt. (Die Praxis-Tipps klingen erst mal ganz vernünftig. Man muss jetzt halt selbst so seine Erfahrungen machen.)

Samstag, 29. Dezember 2012

Respekt?

Die beiden toten Mädchen, 15 Jahre alt, in Günzburg, am Bahnübergang. Tragisch, ein Unglück. Wer ist schuld? Es muss ja immer jemand schuld sein. Die Bahn? Das Wetter? Das Wetter kann man nicht so recht beschuldigen. Und dann zucke ich zusammen, als ich das Folgende lese:

Bei allem Respekt | von Glariana Bauer | Die Bahn hat 150m vor der Schranke ein Schild das die Verkehrsteilnehmer vor einem Bahnübergang warnt. Danach, 100m vor dem Übergang steht noch so ein Schild. Ditto bei 50m. Dann ist da eine Klingel, 2 riesige rote Warnblinklichter und 'ne gottverdammte Schranke! Wer's dann noch nicht geschnallt hat, der hat in userem Gen-Pool nichts zu suchen, da sind Schwimmer gefragt.


Ist es jetzt zu weit gegriffen, wenn man annimmt, dass im deutschen Genpool vielleicht doch herzlose ... -- hier stand ein Wort, das ich streiche. Wir hatten da mal eine sehr dunkle Vergangenheit, da ging es irgendwie auch um einen Genpool, in dem die nicht so Tüchtigen nichts zu suchen hatten. Dass einen heute schon ein jugendlicher Blackout, wenn es denn einer war, ausreicht, um aus der Gesellschaft der Tüchtigen und Aufmerksamen ausgeschlossen zu werden. Gebe Gott, dass Frau Bauer nicht mal ein Vorfahrtsschild übersieht. Aber das kann bei ihr, einer mit guten Genen, wahrscheinlich nicht vorkommen.

Donnerstag, 28. Juni 2012

"The Tourist"

Ich bekommen von Lovefilm "The Tourist". Bei der Gelegenheit schaue ich in Sachen Kritik noch einmal bei der Wikipedia nach:

"Laut Rotten Tomatoes beurteilten nur 19 % der 160 untersuchten Filmrezensionen den Film positiv. Der Spiegel brachte anlässlich des Films eine 6-seitige Geschichte über Donnersmarck mit dem Titel Unter Genieverdacht, prophezeite aber "die Kritiker werden nicht jubeln wie damals bei Das Leben der Anderen, die Erwartungen sind zu groß. Jetzt geht es vor allem darum, 200 Millionen Dollar weltweit einzuspielen." Dieses finanzielle Ziel konnte dann auch erreicht und übertroffen werden. Die Prophezeiung über die Kritik erwies sich nur teils als richtig: Die Kino-Fachpresse in Deutschland bejubelte Donnersmarcks Arbeit, ebenso die Boulevard-Zeitungen und -Zeitschriftensowie die meisten TV-Programmzeitschriften TV, Gong, TV 14 und TV Direkt. Die Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung, ZEIT und Tagesspiegel aber besprachen den Film negativ, während Michael Althen von der FAZ unschlüssig schien. So steht dem Urteil der Sueddeutschen, es fehle "in erschreckendem Maße“ an handwerklichem Können des Regisseurs., das Urteil der Fachzeitschrift Blickpunkt:Film gegenüber "[es] erweist sich der deutsche Filmemacher abermals als souveräner, absolut stilsicherer Filmemacher. Und während der Der Tagesspiegel die Actionszenen für langweilig befindet und The Tourist zum „Genremissverständnis“ erklärt, urteilt die Filmzeitschrift Cinema "[der] Spagat zwischen Spannung und Komödie gelingt ohne Probleme", lobte die Action-Szenen als "elegant gefilmt" und nannte den Film "'geschmackvoll, kultiviert und glamourös." Die Financial Times Deutschland schlussfolgerte leidenschaftslos: "Die zweite Regiearbeit des Deutschen ist nicht der große Geniestreich, auf den alle gewartet haben, aber eine elegante Fingerübung für seinen nächsten Film."."

Wo sind denn nun eure Maßstäbe, Damen und Herren KritikerInnen?! Ja nun, dann werde ich mir wohl meine eigene Meinung bilden müssen ...

Sonntag, 8. März 2009

Dilemmas

Spannend wird es immer dann, wenn es konkret wird. Wie entscheiden Sie sich in diesem Fall:
Re: Antivierenprogramm in Dienste am: 05.03.09 um 21:09:38 
Zitat von: Spitzwegerich am 05.03.09 um 14:51:45
Könnte so ein kleiner Rechtschreibhinweis, dass man Antiviren- programm nicht mit ie schreibt stehen bleiben?
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Ich wusste schon, warum ich mich hier nicht registriere! Selbst als "gast" werde ich hier nicht mehr "mitlesen". Viel Spaß mit euren Zensoren wünscht euch
gast
Mir jedenfalls stoßen "Antivierenprogramme" auch auf. Auf der anderen Seite -- muss man die Leute, die die komische Rechtschreibung nicht beherrschen, so bloßstellen? Und wie wir wissen: Legastheniker können hervorragende Programmierer sein! Wie etwa jener Tron [Amazon], der langsam auch in Vergessenheit gerät.

P. S. Der Satz von mir "Und wie wir wissen: Legastheniker können hervorragende Programmierer sein!" klingt beim Wiederlesen auch unsäglich blöd! Als ob einer, der ein ie statt eines einfachen i schreibt, gleich ein Legastheniker ist. Nun also -- so kompliziert ist die Sprache.

Dienstag, 27. Februar 2007

Erörterung

Zu später Stunde bereite sich noch einen Text zum Schulthema "Erörterung" vor. Ich lese Deutschlehrer-Seiten, die mir wahrhaftig wehtun. Warum? Weil jede Zeile das unstillbare Bedürfnis atmet, vor den anderen als Wissender zu bestehen. Erkenntnissuche nicht als Bedürfnis, sondern als Akt des sozialen Gut-Dastehens. Aus beinahe jeder Zeile quillt der Odem des durch Rolle und Institution erzwungen Besserwissens. Statt: Ich weiß es nicht, gerade darum denke ich nach! das lautstarke: So ist es! Der Lehrer spricht, ohne den Satz laut auszusprechen: "Ich will zeigen, was ich alles drauf habe!" Da werden herzzerreißend feine Differenzierungen gegeben, die einen sofort in einen unangenehmen Schwindel versetzen. Die Formulierungen kommen überaus schief und übermotiviert daher. Aus allen Poren quillt die Angst des Pädagogen vor dem Versagen. Vor dem intellektuellen und dem menschlichen Versagen.

Ich möchte am Ende des Tages einen Litaneienvers schreiben, der so beginnt: "O Schule, du Ort der traditionellen Versagensangst! ..." Und irgendwie, durch einen göttlich einfachen müsste dann klar werden, dass die Lehrer und die Schüler Angst haben. Vielleicht machen die Lehrer den Schülern Angst, um von ihrer eigenen Angst abzulenken?

Und dann die erste Bitte: "Lass uns ehrlich und einfach sein. Lass uns so werden, dass wir den Schülern nicht mit dem bombastischen Kleister unserer intellektuellen Selbstzweifel den geistigen Atem nehmen!"

Und am Ende muss ein Heiliger gefunden werden, dem wir sagen können: "Wir bitten dich, erhöre uns!" Welcher Heilige könnte das sein? Vielleicht der heilige Sokrates?

Nein, ich nenne diesmal keine Quellen und Stellen.