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Mittwoch, 20. Januar 2016

U-Bahn-Schubser

Viele Zeitungen melden es auf ihren Onlinesiten:

"Junge Frau am Ernst-Reuter-Platz von U-Bahn getötet | Mutmaßlicher U-Bahn-Schubser möglicherweise schuldunfähig | Entsetzen in Berlin – eine 20-jährige Frau ist vor einen einfahrenden U-Bahn-Zug gestoßen und dadurch getötet worden. Tatverdächtig ist ein 28-Jähriger, der mit dem Opfer offenbar zuvor rein gar nichts zu tun hatte. Der Mann war kurz vor der Tat bei einer Obdachlosenunterkunft abgewiesen worden. Möglicherweise ist er nicht schuldfähig. | Nach dem Tod einer jungen Frau auf dem Berliner U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz prüfen Fachleute Hinweise, dass der mutmaßliche Täter nicht oder nur eingeschränkt schuldfähig sein könnte. Noch im Laufe des Mittwochs werde ein Gutachten angefertigt, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, dem rbb. || Der gebürtige Hamburger mit iranischer Staatsbürgerschaft sei ohne festen Wohnsitz unterwegs, sagte Steltner. Er habe unter Betreuung gestanden und sei bereits in Hamburg mehrfach "auffällig geworden", unter anderem mit einer Gewalttat. Wegen Schuldunfähigkeit sei er aber nicht verurteilt worden. Unklar ist, ob der Mann zum Zeitpunkt der jetzigen Tat unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stand. Bluttests werden laut Polizei noch ausgewertet." (rbb-online.de)

Und es sind eine Menge schneller Assoziationen mit dieser Meldung verbunden. Einige davon:

  • Die -- trotz aller schrecklichen Tragik -- unernste: Schuldunfähig? "Du bist verrückt, mein Kind, / du musst nach Berlin. / Wo die Verrückten sind, / da jehörste hin."
  • Dann die ernsthaften. Vorab: So etwas kann jedem und ganz leicht passieren. Wenn verrückte Menschen unterwegs sind.
  • U-Bahn-Schubser, das klingt seltsam niedlich. Wie die Meldung von einem Schulausflug, bei dem die Schüler auf dem Bahnsteig herumalbern. Jawohl, die Tiefen der Sprache sind unergründlich.
  • Und schließlich: "Der gebürtige Hamburger mit iranischer Staatsbürgerschaft". Dabei hätte der Täter natürlich auch ein Gestörter ohne Migrationshintergrund sein können. Aber eben -- es schein manchmal, als suchte das große SCHICKSAL sich die Dinge, die in den laufenden Diskussionszusammenhang passen.
Und da ist dann noch die umfassende rechtstheoretische Frage: 
  • Wen wie stark überwachen und ggf. vorbeugend einsperren?
Der liberale Standpunkt: Nur die, die wirklich gefährlich sind, überwachen. Und die ganz Gefährlichen -- aber nein, einsperren geht gar nicht.

Die, die nicht ganz so liberal veranlagt sind, lachen da nur gequält auf. Ob solcher dämlichen Einlassungen. Denn, so sagen sie: wie erkennt man vorab 'die wirklich Gefährlichen'? Und der jungen Frau, wie allen konkreten Opfern, natürlich auch deren Verwandten und Freunden, nützt der Hinweis darauf, dass so etwas ja statistisch gesehen kaum jemals vorkommt und man also unbesorgt leben gehen könne und ja auch leben müsse. Schließlich könne jeden jeden Tag ein Dachziegel erschlagen. Zufälle halt. Fährnisse des Lebens, unabwendbar. ... den Opfern und ihren Verwandten und Freunden nützt solch wohlfeiles Herumbramarbasieren der ach so coolen Aufgeklärten: gar nichts.