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Dienstag, 18. Februar 2014

Der Edathy-Diskussionsverlauf

Ja, wenn die Welt nur einfach wäre! Dann würde ich allen Datenschutz-Überlegungen bedingungslos zustimmen. Aber so?

Vorweg und "erst mal": Man lese heute die Seite 2 der Süddeutschen ganz. Da gab es also Abmahnungen, weil eine Porno-Seite ohne Bezahlung benutzt wurde. Natürlich gibt es aber gleich Abhilfe aus dem Netz. Man will schließlich seine Pornos unbeobachtet und unbezahlt schauen. Das Folgende ist nicht von einer Schmuddelseite, sondern eine Anzeige in der renommierten Computerzeitschrift CHIP.


Nun gut. Die Frage ist, auch angesichts des Edathy-Diskussionsverlaufs, ob wir nicht doch in einer verblödend-oversexten Gesellschaft leben. So ganz allmählich werden die Fragen gestellt, die man lange Zeit angesichts der großen Freiheit, die alle lieben, nicht gestellt hat: Wie steht es mit der anderen Seite? Der Seite der Opfer, der Kinder. Mit denen Geld verdient wird.

Jetzt also. Auf der Seite 2 der Süddeutschen ist heute dies zu lesen:

"Markus R. bot Karate-Kurse an – kostenlos; entsprechend groß war der Andrang. Viele Eltern waren wohl froh, dass ein freundlicher junger Mann sich ihrer Kinder annahm. Sie wussten nicht, was geschehen würde: dass Markus R. Kinder halbnackt und nackt filmte und später in einer E-Mail damit warb, einer der Jungen habe eine Erektion gehabt. Die Videos trugen Titel wie „Boys Fights“ oder „FKK Water Guns“, Azov-Films bewarb sie mit schmierigen Zeilen: „Lass dich nicht täuschen von seinen unschuldigen Locken, denn hinter diesen Augen steckt ein schelmischer Knabe.“ Dann werden anzügliche Witzchen gemacht über die „Spielgeräte“, an denen sich die Jungen abarbeiten.

Im Fall Edathy scheint es, wohin man auch blickt, nur Opfer und Beschädigte zu geben. Ruf und Leben von Sebastian Edathy sind zerstört. Die Ermittler haben sich, weil sie dilettantisch und juristisch fragwürdig vorgingen, lächerlich gemacht und das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert. In Politik und Behörden wird nach Geheimnisverrätern gesucht, und die noch junge große Koalition ist in eine große Krise geraten. Der als Landwirtschaftsminister zurückgetretene CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich kann sich als Bauernopfer fühlen.

Was aber ist mit den Kindern, die herhalten mussten für Filme, die sich Pädophile und Pädokriminelle für ein paar Dollar bestellen konnten? Wer fragt nach denen? Und was sind das für Menschen, die nackte Kinder ohne das Wissen der Eltern filmen und diese Aufnahmen dann kommerziell vertreiben? Und was sind das für Leute, die solche Videos kaufen? Im Fall Edathy geht es auch um ein Milieu, in dem Kinder zur Ware werden. Hier tummeln sich viele, für die der Begriff „Täter“ bestimmt nicht zu hart ist. Vielleicht ist dies, wenn nicht eine Entschuldigung, so doch eine Erklärung dafür, warum Ermittler, die seit Jahren gegen diese Szene kämpfen, mitunter das richtige Maß verlieren."

Immer mal wieder die Frage, auch mit Blick in die BILD usw.: Verblöden wir gerade an einer Überdosis Sex? Kommen darum alle Maßstäbe ins Rutschen? Sollten wir nicht endlich anfangen, über diese Maßstäbe zu diskutieren? Und wie weit darf die "Freie Fahrt für freie Porno-Bürger" eigentlich gehen?

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Nein, ich bin kein Prüderant! Wer mag, soll seine Pornos schauen. Aber das Umfeld sollte vielleicht mal ein wenig relativiert werden. Gestern im Zappen: Eine TV-Sendung, in denen schwabbelig-brabbelige Bundesbürger sich dabei filmen lassen, wie sie sich mit dem Gestus des braven Lehrlings von einem Experten in "Bondage-Techniken"* unterrichten lassen. Meinetwegen. Sollen sie ruhig machen. Nur -- muss das dann auch noch ins Fernsehen? Immer wieder: Wo verläuft die Grenze hin zur Verblödung?

Und: Könnte der Herr Ex-Politiker Edathy nicht mal darauf kommen, eine halbe Woche still zu sein und sich nur zu schämen? Ganz unabhängig von der Frage, ob er die feine Grenze zwischen nicht strafbaren Nur-Nackfotos und strafbaren Porno-Fotos nun überschritten hat oder nicht.

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|* Nein, das war wahrscheinlich nicht der Lehrer in der TV-Sendung. Das ist nur ein Beispiel.