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Freitag, 15. Juni 2012

Wolf Schneider, Der Mensch 2


Ich korrigiere mich in einer bestimmten Hinsicht: Die Faktenlandschaft Schneiders muss man einfach als Anregung nehmen. Um dann weiter zu fragen. Beispielsweise: Die Verhaltensweisen der frühen Kolonialisten.

S. 138: [...] Scheinheilig bot er [Pizzaro] dem Kaiser seine Dienste an und versprach, ihn «den wahren Glauben» zu lehren, und ein Pater inszenierte die widerliche Posse: Nach einer kurios gedolmetschten Predigt über die chrisdiche Dreifaltigkeit forderte er Atahualpa auf, unverzüglich den Christenglauben anzunehmen und sich Karl V. ebenso zu unterwerfen wie dem Papst. Der Herrscher blätterte angewidert in der Bibel, die der Pater ihm entgegengestreckt hatte, und schleuderte sie wütend zu Boden.
Das war das Zeichen! Die Spanier sprengten aus ihren Verstecken hervor und ritten die Leibgarde des Sonnenkaisers nieder; Pizarro selbst zerrte ihn aus der goldenen Sänfte - und bot ihm die Freiheit an, falls er sein Versprechen wahr mache, sein Zimmer, vierzig Quadratmeter groß, mit Gold zu füllen bis zur Höhe seiner ausgestreckten Fingerspitzen. In der Tat: Lama-Karawanen schafften aus den Tempeln und Palästen des Riesenreichs goldene Platten, Teller, Vasen, Kelche, Schmuckstücke und Götzenbilder heran; einen Monat brauchten die indianischen Goldschmiede, um die Schätze einzuschmelzen. Dann hatte der Kaiser sein Versprechen erfüllt - und Pizarro ließ ihn mit der Garotte erwürgen, dem Halseisen, das bei langsamer Schraubendrehung den Kehlkopf zerdrückt. Das Todesröcheln des Inka-Kaisers begleiteten die versammelten Spanier mit dem Murmeln von Credos zum Heil seiner Seele.
So macht man Kolonien. Gold schickten sie nach Spanien und bald ganze Schiffe voll Silber, womit Karl V. seine Kriege finanzierte und seine Schulden bei den Bankhäusern von Antwerpen, Augsburg und Genua beglich. Seit 1545 kam das Silber größtenteils aus dem Silberberg über der Stadt Potosi, 4000 Meter hoch im heutigen Bolivien gelegen - bald zu einer Großstadt aus schuftenden Indios und spanischen Aufsehern aufgestiegen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war die Hälfte des gesamten Doppelkontinents Amerika spanische Kolonie: [...]


Wenn ich den Wikipedia-Ausschnitt dagegenhalte, ergeben sich viele Übereinstimmungen, die vermuten lassen, dass der Autor den WP-Text zumindest, sagen wir: kannte. Auf der anderen Seite relativiert sich vor allem der Wortbruch durch das "in Abwesenheit Pizarros".

Am 15. November 1532 traf Pizarro mit etwa 215 spanischen Soldaten (die Zahlen variieren zwischen 150 und 280) bei Cajamarca ein, das 1.000 km Luftlinie von der Hauptstadt des Inka-Imperiums, Cuzco, entfernt liegt. Inkaherrscher Atahualpa erwartete zusammen mit etwa 20.000 bis 80.000 Kriegern die Konquistadorentruppe. Nach Verhandlungen durch Pizarros Gefolgsmann de Soto und Hernando Pizarro zog Pizarro in das von den Inka geräumte Cajamarca ein. Nach weiteren Verhandlungen entschied sich der Inka Atahualpa dazu, die Spanier in Cajamarca aufzusuchen. Am folgenden Tag zog der Inka mit großem Aufgebot (etwa 4.000 bis 5.000 Getreue) vor die Mauern Cajamarcas und kam mit einem kleineren Gefolge in die Stadt. Dort schnappte ein von den Spaniern vorbereiteter Hinterhalt zu: Der Dominikaner Vicente de Valverde trat mit einer Bibel und einem Kreuz in der Hand vor Atahualpa und begann seine Anrede mit: „Höre das Wort Gottes …“. Als Atahualpa den Priester unterbrach und fragte, woher das Wort Gottes komme, reichte de Valverde ihm die Bibel. Da Atahualpa mit der Schrift nichts anfangen konnte, hielt er das Buch an das Ohr und da er das angekündigte „Wort“ nicht vernahm, schleuderte er beleidigt die Bibel dem Priester ins Gesicht. Pizarro, der das Geschehen aus sicherer Distanz beobachtete, nahm dieses „Sakrileg“ als Vorwand zum Angriff. Daraufhin schossen die Spanier mit ihren Kanonen und Arkebusen auf die Masse der Inka, bevor sie mit den Blankwaffen zum Angriff übergingen und ein Gemetzel anrichteten. Es gelang den Spaniern, Atahualpa gefangen zu nehmen. Von den Spaniern wurden nur zwei Soldaten verletzt. Die Inkas wurden vermutlich aufgrund des Überraschungseffektes geschlagen, da die Gefangennahme und Bedrohung des für sie gottgleichen Inkas sie derart fassunglos machte, dass an Gegenwehr nicht zu denken war. Dazu kam der ungewohnte Anblick der Pferde der Spanier und das Getöse der Feuerwaffen (Arkebusen und zwei kleine Kanonen). Das zurückgelassene Hauptheer (20.000 bis 80.000 Mann, je nach Quelle) der Inkas verharrte führer- und bewegungslos, um den Inka nicht zu gefährden und weil sie aufgrund ihres streng hierarchischen Systems nicht gewohnt waren, selbst die Initiative zu ergreifen.

Dieser Erfolg war möglich, weil die Inka die Intentionen der spanischen Konquistadoren – trotz wochenlanger Beobachtung auf ihrem Weg nach Cajamarca – nicht erkannten bzw. die kleine Gruppe Fremder unterschätzten. Warum Atahualpa unbewaffnet, wie teilweise behauptet wird, in die Stadt kam, ist nach wie vor umstritten. Die große religiöse Bedeutung der Farbe Weiss, als Farbe des Schöpfergottes, spielte sicherlich eine ebenso große Rolle für die Entscheidung des Inkas, die fremdartigen, weisshäutigen Besucher unbewaffnet zu begrüßen.

Atahualpa zahlte in den folgenden Monaten an Pizarro zwar ein enormes Lösegeld (ein Raum musste mit Gold, ein weiterer zweimal mit Silber gefüllt werden) in der Hoffnung, freigelassen zu werden, wurde aber – in Abwesenheit Pizarros – wegen eines angeblichen Aufstands zum Tode verurteilt und am 29. August 1533 in Cajamarca mit der Garotte erdrosselt.