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Montag, 14. Oktober 2013

Literarische Skizze: Das blaue Bidet

Literarische Skizze:

Holger Behrmann hatte die Arbeit als Ferienjob übernommen. Für 10 Euro die Stunde. Er führte gewissenschaft Buch. Arbeitsbeginn und Arbeitsende. Das Abarbeiten der Papierstapal in Zentimetern dazu. Die Papiere gehörten seinem Onkel, dem Schriftsteller K., der, wie jedes zweite Jahr, zu einer Weltreise aufgebrochen war. In dieser Zeit sollte Holger die Papiere ordnen, die in großen Stapeln im Regal lagen. K. legte, wenn etwas auf seinen Schreibtisch kam und er es angesehen hatte, einfach alles in diesem Regal aufeinander. Holger machte die Arbeit keine besondere Freude, er verdiente damit einfach Geld. Er sagte sich, dass es Schlimmeres gab, als die Papiere eines bekannten Schriftstellers zu ordnen.

Hin und wieder las er, was ihm in die Hände kam, ein wenig genauer. Genauer, als es für das bloße Ordnen notwendig war. An diesem Morgen war ihm eine handschriftliche Notiz seines Onkels aufgefallen. K. hatte geschrieben:

"Was um alles in der Welt ist das? Ich lese in der Zeitung, dass Das blaue Bidet von Joseph Breitbach bei Wallstein neu herauskommt. Da steht dann auch, dass dieses Buch 1978 zum erstenmal erschienen ist. Ich habe es gleich im Internet überprüft. Man kann Erstausgaben mit Widmung des Autors kaufen. Erschienen 1978. -- Und ich? Ich hätte schwören können, dass 1972 ein junger Literaturdozent in Erlangen mir in einem Café, in das wir nach einer Vorlesung von Professor Fülleborn alle gegangen waren, dieses Buch empfohlen hat. An das Jahr kann ich mich genau erinnern, weil ich im Herbst dann mit meinem Fullbright-Stipendium nach Boston gegangen bin. Helen studierte damals schon in Wellesley. Ich war ihr gefolgt. Also ist das eine wirklich genaue zeitliche Eingrenzung, und ich war mir bis heute der Sache mit Breitbach vollkommen sicher, ohne sonderlich viel darüber nachzudenken. Ich erinnere mich sogar, dass dieser junge Dozent mir den Inhalt des Romans erzählt hat. Soll ich nun an meinem Gedächtnis zweifeln? Da zweifle ich doch lieber an der Realität als an meinem Gedächtnis!"

Wohin, überlegte Holger Behrmann, sollte er diesen Zettel legen? Nach kurzem Nachdenken ordnete er den Zettel in die Kategorie ein, die K., der Schriftsteller, vorgegeben hatte: Zweifel an der Realität. Dort lagen nur wenige Zettel und ein Buch. Aber diese, Zettel, wie Buch, 'hatten es in sich', wie Holger später in seine Arbeitsheft schrieb.