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Donnerstag, 2. Oktober 2014

Literarische Miniaturen: Die Unauffindbare

Als Hilmar Peukert an diesem Morgen im Radio den Namen Rübing hörte, da dachte er an eine junge Frau, die er vor vielen Jahren gekannt hatte. Maria Rübing, was mochte aus ihr geworden sein. Sie hatte in demselben Labor gearbeitet wie er seinerzeit. Über Dialkylaminogruppen hatten sie geforscht, hatten beide promoviert, über bisfunktionelle Moleküle. Der Ausdruck kam ihm jetzt sehr eigenartig vor. Sie hatten sich nicht gut gekannt. Einzig dass Maria Rübing in einem einfachen Sinn, ohne Schnörkel, eine gutaussehende Frau war, das war klar. Eine Schöne, wie man sie selten in einem Chemielabor findet. Er erinnerte sich auch gleich wieder, dass er einmal in einer Einrichtungszeitschrift ein Frau gesehen hatte, deren durchgestylte Wohnung vorgestellt wurde. Die Frau wurde mit Namen vorgestellt. Caroline Rübing stand da. Die Frau sah Maria Rübing sehr ähnlich. Es muss die Schwester von Maria sein, hatte er damals gedacht.
An diesem Morgen schaute Peukert im Internet nach. Er war sich sicher, dass Maria Rübing leicht zu finden sein würde. Selbst wenn sie geheiratet hatte. Sie hatte dann sicher einen Doppelnamen. Also suchte er und fand Maria Rübing nicht. Er ging an seinen geordneten Bücherschrank und suchte ein Heft der Angewandten Chemie heraus, in der sie einen Artikel veröffentlicht hatte. Zusammen mit ihrem Chef und zwei Kollegen, wie das halt so üblich war. Er war erstaunt, als er sah, dass der Name Maria Riebing war. Doch auch unter diesem Namen war niemand zu finden. Ein paar Fachartikel aus dieser Zeit damals, aber nichts sonst. Sie musste jetzt um die 50 sein. Aber es war wirklich nichts zu finden. Kein einziger Hinweis und schon gar kein Bild.
Das Gefühl, das er jetzt hatte, kannte Peukert gut. Es war das Gefühl, in einer fremden Welt zu leben, in die er nicht hineingehörte. Eine fremde Welt, in der mit ihm gespielt wurde. Von Mächten, die er nicht kannte, nicht durchschaute, nicht begriff.