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Donnerstag, 26. März 2015

"... drei oder vier Beine"

Sascha Lobo hat in SPIEGEL Online über Online-Reaktionen auf das Germanwings-Unglück lang, aber erkennbar ratlos kommentiert.

"Verstörend, wie eng Trauer und Wut beieinander liegen. Zu den meistgeteilten Botschaften gehört Empörung über die 'sensationslüsterne Journallie'. Natürlich ist der nachrichtliche Umgang mit solchen Katastrophen unbedingt kritikwürdig. Aber gerade im Verbund mit den heftigen Reaktionen auf Privatpersonen, die vermeintlich unpassend reagieren, entsteht ein anderes Bild: Das digitale Trauerkollektiv möchte nach einem Moment der Bestürzung wütend sein. | Offenbar brauchen digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht um in Empörung. Klicktrauer wird zur Klickwut. Es lässt sich erahnen, wie die soziale Funktion des Sündenbocks entstand."

Hier ist ein anderer Kommentar zu einer anderen Sache, die mich ratlos macht. Die FOCUS-Meldung war:

"Brisbane | Nur zehn Meter vom Strand entfernt: Hai tötet Surfer || Bei einem Hai-Angriff an der australischen Ostküste ist ein Mann ums Leben gekommen. Zuvor hatte er zwei Beine verloren."

Der User Albert Maier sagt dazu schon am 09.02.2015:

"Na...
....so ein Glück... nicht auszudenken, wenn er drei oder vier Beine verloren hätte. Leider hat es ihm nichts genützt. Wie auch immer, deswegen würde ich im Meer nicht surfen gehen."

Ich unterdrücke alle Wörter, die ich für unziemlich halte. Es ist einfach so, dass manche Menschen, denen das Internet heute die Gelegenheit gibt sich zu äußern, den Inhalt und die Wirkung ihrer Worte nicht im mindesten einschätzen können. Der Herr Maier begreift nicht, dass da etwas unsagbar Unpassendes steht, von ihm da "gepostet".

Man muss sich die neue Situation klarmachen: Vor 15 - 20 Jahren hätte Herr Maier vielleicht ein paarmal einen Leserbrief geschrieben, der nicht abgedruckt worden wäre. Dann hätte er aufgegeben und wären durch Sprüche aufgefallen, bei denen seine Bekannten die Augen verdreht hätten. Ok, ein paar, die von gleichen Schlag sind, hätten auch laut gelacht. Aber so recht öffentlich wäre da nichts geworden. Und heute? Nun ja, siehe oben. 

Es sage mal einer, dass das Internet nicht die Kommunikationskultur total durcheinandergebracht hat! Wie? Nun ja, wie gesagt -- die, die früher im Filter der Medienkontrolle hängen geblieben wären, können sich jetzt direkt und ungefiltert zu Wort melden. Das ist kein Segen!