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Sonntag, 29. März 2015

Niederrichten - Schweinebacke - Himbeere

Angefangen hat das alles gestern. Amanda Knox ist in Italien freigesprochen worden. t-online.de kommentiert das so: 

"Viele US-Medien sahen in Amanda die unschuldige hübsche Studentin, die in Italien von einem unfähigen Justizapparat niedergerichtet wurde."

Im Duden gibt es das Wort niederrichten nicht. Er stellt etwas fest und gibt eine Frage zurück: "Leider haben wir zu Ihrer Suche nach 'niederrichten' keine Treffer gefunden. Oder meinten Sie: wiedererrichten?"

Gibt es im Deutschen das Wort niederrichten? also gar nicht? Aber es steht ja da, in einem ganz normalen Text! Hat es sich ein Journalist einfach so einfallen lassen, weil die Regelhaftigkeiten der deutschen Wortbildung so etwas erlauben? Wir wissen dann schon, was gemeint ist; niedermachen steht ja in der Nähe als Muster.

Da ist sie wieder, die Frage, was es denn heißt, dass es 'im Deutschen ein Wort (nicht) gibt'.

Nächstes Beispiel: Schweinebacke. Dieses Wort kennt der Duden.

"Schwei­ne­ba­cke, die | ... | Gebrauch: besonders norddeutsche Kochkunst | ... |
  • Fleisch von der Kinnbacke des Schweins
  • (emotional abwertend, oft als Schimpfwort)"
Die Karrieren, die Wörter manchmal so nehmen! Heute werden die meisten Deutschen, zumindest die, die ins Kino gehen, das Wort aus einem anderen Kontext kennen.

Der FOCUS macht einen Artikel auf mit:

"Happy Birthday, Schweinebacke! Bruce Willis wird 60"

Ein Kontext, in dem das sonst so selten verwendete deutsche Wort, plötzlich Karriere machte. Spät erst wird es ind dem FOCUS-Artikel erklärt:

"1988 dann der Durchbruch: Barfuß und im Unterhemd ballerte sich Willis in „Stirb langsam“ durch den Nakatomi Plaza und schier unzählige Gegnerhorden. [...] Unvergessen sein berühmter, wenn auch recht kreativ ins Deutsche übersetzte Satz „Yippie-Ya-Yeah, Schweinebacke“ (im Original: „Yippie-Ya-Yeah, Motherfucker.“)"

Bleibt noch das unschuldige deutsche Wort Himbeere, das unter Linguisten einen besonderen Ruf hat. Und nur unter Linguisten. (Weil es eines der seltenen Wörter mit einem 'unikalen Morphem' ist: him- kommt, wie etwa auch schorn- in Schornstein, nur in diesem Wort vor, sonst nicht.) Zu Himbeere gibt es wenig zu sagen, es sei denn, dieses Wort kommt mit einer bestimmten Adjektiv-Attribuierung daher: die Goldene Himbeere, das ist ein Negativ-Filmpreis, der ein paar Tage vor den Oscars verliehen wird.

Aber wieso soll eine Himbeere, diese wohlschmeckene Frucht, etwas Abwertendes bedeuten? Die Wikipedia erklärt es uns so:

"Aus dem Cockney Rhyming Slang stammt der englische Ausdruck to blow a raspberry für das Flattern der Lippen auf der herausgestreckten Zunge, welches ein Zeichen der Verhöhnung ist. Da englisch raspberry ,Himbeere‘ heißt, wurde dieser Name für den Preis gewählt."

Kaum jemand wohl, der in Deutschland diesen Zusammenhang und diese Erklärung kennt; was Goldene Himbeere meint, wissen hingegen viele.

Wortkarrieren, spannende Geschichten allüberall ...