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Donnerstag, 15. Oktober 2015

161 erfolglose Bewerbungen ...

... (mit perfektem Lebenslauf)

Hier sind erst mal die Auslassungzeichen: [...] Da oben steht, dass einer, Volkswirt, exzellente Eigenschaften und Erfahrungen hat und trotzdem keinen Job findet. Dann das da unten, von der Expertin. Und meine Vorüberlegungen: Was für eine bescheuerte Welt, die Welt der Wirtschaft. Sie sollte sich selbst mal beim Psychiater auf die Couch legen. Doch welcher kompetente Psychiater hat eine so große Couch, für solch ein Ego, wie La Economia eines hat?


Svenja Hofert antwortet:
Dieser Mann übertreibt nicht - perfekter Lebenslauf, dynamisches Auftreten, eloquent und humorvoll. Er hatte Traummarken aus der Automotive- und Railway-Branche als Arbeitgeber, ist loyal und lange genug auf den Stellen geblieben. Ich habe seine Vita Kollegen gezeigt; sie waren schier begeistert. Darüber, was Ingredienzen einer Top-Karriere sind, sind wir Karriereexperten uns einig. In diesem Fall: alles drin, alles dran.
Weshalb also hat dieser Kandidat eine ähnlich schlechte Quote wie manch Produktmanager, PR-Spezialist oder Controller mit Durchschnittslebenslauf - also etwa zehn Prozent Einladungen auf Bewerbungen? Warum rollt man diesem Bewerber nicht den roten Teppich aus? Wieso lädt man ihn zwei-, dreimal ein und sagt dann "Sie sind leider überqualifiziert"?
Es gibt einen Recruiter-Spruch unbekannten Ursprungs: "First class hires first class. Second class hires third class." Auf Deutsch ist es das Schmidt- und Schmidtchen-Phänomen: Der neue Mitarbeiter darf nicht "größer" sein, weder intellektuell noch von der Ausbildung her. Er soll dem Chef möglichst ähneln. Ein MBA, ein Doktortitel? Da ist Gefahr im Verzug! Es gibt wenige, die neben oder direkt unter sich jemanden ertragen können, der ihnen das Wasser reichen kann. Das merken sie allerdings selbst nicht, denn weniger Kompetente neigen zur Selbstüberschätzung; man spricht auch vom "Dunning-Kruger-Effekt". (SPIEGEL Online)

Was man da allers lernt! Dunning-Kruger-Effekt, Schmidt-und-Schmidtchen-Phänomen. (So müsste man's schreiben, ohne Leerzeichen.) Gefahr im Verzug. O Jesus! (Für die Beichte: Ich habe heilige Namen leichtsinnig ausgesprochen.) Und was sind das dann für arme Wichte, wenn sie siebzig sind, die Top-Manager! Dann stolzieren sie immer noch gravitätisch-leutselig umher, so wie sie's gelernt haben, und sie sind arme alte Ex-Große unter sich.

Ach so, ja. Das sagt die Beraterin am Schluss:

Lieber Bewerber, Ihnen bleibt vor diesem Hintergrund nichts übrig, als sich zu verstellen. Fahren Sie Ihre Ambitionen herunter wie den PC am Abend. Machen Sie Ihren Lebenslauf etwas kleiner, als er ist. Bewegen Sie sich zur Mitte, tun Sie durchschnittlich, seien Sie eben nicht authentisch. Passen Sie sich der jeweiligen Umgebung an - aber treten Sie nicht unterwürfig auf.

P.S.: Falls das ein Arbeitgeber liest, der sich doch traut: Wir leiten Ihre E-Mail sehr gern weiter.