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Dienstag, 20. Oktober 2015

Der Augenblick, dieser ewige Flüchtling

Es ist ein wenig wie bei einer Hochzeit. Jeder weiß, dass in Ehen so manches schiefgehen kann, aber trotzdem -- die Bräuche gebieten, dass jetzt erst mal gefeiert wird. Dann sehen wir weiter.

Sophia Maier, Autorin der Huffington Post, teilt am 14. Oktober 2015 mit:

"Ich ließ vier Flüchtlinge bei mir wohnen. Und dann passierte es"

Da muss der Leser jetzt deskonstruieren, und er kommt vielleicht, das steht wohl hinter dieser Überschrift, darauf, dass das Ganze schiefgegangen ist. Doch weit gefehlt!

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Auch wenn die Parallele Flüchtlinge zum Kraftakt DDR 1989ff. oft unpassend ist -- die DDR-Bürger sprachen Deutsch und waren auch sonst in ihren Gepflogenheiten "Landsleute" geblieben --, so war doch da eine mögliche Parallele zu heute: Sektempfang. Und anschließend? Unzufriedenheit bei den Neuen, weil alles so langsam ging, und Schimpfen auf den zu zahlenden Ausgleich bei den Alten.

Warten wir mal ab, was aus dieser neuen Ehe wird.

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Danne in Sprung, hinüber zu einem Artikel über die "Wonne der Endlichkeit". Das Ganze aber anders geschrieben. Erst einmal und immer wieder: Die Fanfarentitel, die dem landläufig Negativen was Positives, ja: andichten. "Die unendliche Leichtigkeit des Seins". Es geht auch mit einem Schuss Witz und Ironie. Auf der Seite eines Professors, der zugleich Ultramathonläufer ist, lese ich einen Spruch, der wohl so etwas wie ein Lebensmotto sein kann:

"“If pain is your friend, you shall never walk alone.”"

Und als Erklärung dahinter: "Leitspruch des weltweit härtesten 100 Mile-Laufs, dem Leadville Trail 100, Colorado".

Oder eben dann die "Vonne Endlichkait" von Grass.

Es ändert sich manches bei ihm, dem man Veränderung nicht mehr zugetraut hätte. Grass' erotische Schilderungen hatten ja früher eher etwas Peinigendes, weil sie Intimität so prahlerisch provokativ ausstellten. Man hatte irgendwie das Gefühl, dass sie die natürliche Verschwiegenheit des liebenden Fleischs verrieten. Nun ist es umgekehrt das alternde Fleisch, das Verrat am vormals Liebenden übt. "Zwar bin ich mit gestopfter Pfeife, doch ohne Zündholz unterwegs. Oder anders gesagt: Die Potenz, dieser Wichtigtuer, hat schlappgemacht. Nur die Lust ist geblieben und tut so als ob." Da zieht in die altbekannte Schamlosigkeit dieses Autors etwas Verschämtes ein, das man nicht kannte.

Das von schrieb Burkhard Müller am 28. August 2015 in der Süddeutschen.

"Die natürliche Verschwiegenheit des liebenden Fleischs"? Na gut. Das steckt viel persönliche Betroffenheit und wahrscheinlich ein doppelter Whiskey dahinter.

Die Zeit und die Endlichkeit.

"Doch alle Lust will Ewigkeit. / Will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Springt die Ewigkeit hinter dem Zeitbusch hervor und antwortet dem jammendern Schnauzbart: "Ätschpätsch! Mich bekommst du aber nicht!"