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Dienstag, 19. Juli 2016

Meldungen über Terrorismus

Die Meldungen seit gestern Nacht, die sich irgendwie sehr eigenartig verdichten. Am Anfang wird berichtet, dass "ein Jugendlicher" Menschen in dem Regionalzug angegriffen habe. Weil dann der bayerische Innenminister Herrmann sehr rasch von einem 17-jährige Asylbewerber aus Afghanistan spricht, wird das dann etwas verdruckst in dem Meldungen 'weiter unten' eingefügt. Die ZEIT, vornehm wie sie nun einmal ist, bringt zunächst einmal und über Stunden: gar nichts.

Lügenpresse? Großer Quatsch! Verlegenheitspresse!

Axt-Attacke: Handgemalte | IS-Flagge bei Würzburg-Angreifer gefunden | Berliner Zeitung | Ermittler am Tatort bei Würzburg || Ermittler am Tatort bei Würzburg | Der Täter aus Afghanistan wurde nach dem Angriff von der Polizei erschossen. || Ein Jugendlicher hat am Montagabend in einem Regionalzug in Bayern mehrere Reisende mit einer Axt und einem Messer schwer verletzt, ehe er von der Polizei erschossen wurde. Der 17-jährige Asylbewerber aus Afghanistan sei „brutal auf andere Fahrgäste in der Bahn losgegangen“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) in der ARD.

In der Logik der Meldungen über Terrorismus in diesen Tagen ist dieser Vorfall in der Tat nicht sonderlich erwähnenswert, weil da ja in der Regel von der Anzahl der Toten als einzigem Relevanzkriterium ausgegangen wird. Hier also, gottseidank, keine Toten. Ist gleich: nicht so wichtig. Auf der anderen Seite ist jedem mitdenkenden Zeitungsleser wohl vollkommen klar, dass diese Tat auf der politisch symbolischen Ebene ganz vorne in der Relevanzreihe steht: Ein jugendlicher Asylbewerber, einer von denen, die eigentlich vor Mord und Totschlag geflogen sind, wird selbst zum Mörder. In dem Land, das ihn aufgenommen hat. Da von 'Undankbarkeit' zu sprechen, ist nicht richtig; es geht hier um vollkommen fremde Wertesysteme, in denen Kategorien wie Dankbarkeit einfach nicht vorkommen.

Also keine Relevanz nach Anzahl der Toten = Null. Die Wirkung auf die "öffentliche Meinung", die ist das Entscheidende hier.*

Dass er nicht zum Mörder geworden ist, dieser Mann aus Afghanistan, ist glücklichen Umständen und offenbar dem Mut von ein paar Männern -- chinesischen Staatsbürgern wohl -- zu verdanken, nicht seiner eigenen Absicht. Was ich bisher auch nirgendwo diskutiert gefunden habe. Der junge Mann hat bei einer deutschen Familie gelebt. Ohne Frage Menschen, die Gutes tun wollten. Was sagt diese Familie wohl jetzt zu dieser Tat?

Ach, und weil die Stereotype immer und immer wieder greifen, dann natürlich so etwas:

Renate Künast | Verifizierter Account | ‏@RenateKuenast  | Tragisch und wir hoffen für die Verletzten. Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???? Fragen! #Würzburg @SZ

Ein Vertreter der Polizei nennt das in einem Interview "Klugscheißerei" einer Parlamentarierin, die von Polzeiarbeit keine Ahnung hat. Ich bin geneigt, ihm zuzustimmen. (Was nicht heißt, dass ich dafür bin, dass die Polizei später, in einer ruhigen Stunde, den "Laien" einfach mal erklärt, warum das mit "auf die Beine schießen" nicht so einfach ist oder in bestimmten Situationen gar nicht geht.)

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* In diesen Zusammenhang passt ganz genau: Harald Martenstein, Über Umfragen und die Radikalisierung der Mitte.

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Nachtrag (12:58): Die ZEIT hat jetzt einen Artikel, zu dem das Forum geöffnet ist. Im Moment: 19. Juli 2016, 10:34 Uhr Aktualisiert am 19. Juli 2016, 12:42 Uhr

Stand der Dinge zu diesem Zeitpunkt: 646 Kommentare.

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Nachtrag (13:14): Ein Hinweis im ZEIT-Forum:

Meinung3000 #154 — vor 21 Minuten | Es wurde aber noch eine Person schwer verletzt, hier nicht erwähnt... || "Der Angreifer soll auf der Flucht außerdem eine Frau attackiert haben: Christine R. (51), Mitarbeiterin bei der Stadt Würzburg, Hobbymusikerin und alleinerziehende Mutter eines 14-jährigen Sohnes. Auch sie ringt mit dem Tod. http://www.bild.de/region...