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Dienstag, 12. April 2011

Prantl zu Häberle: Einzelfragen 4

Seien wir doch ehrlich: Auch wenn jemand nicht frei vorträgt, sondern Geschriebenes vorliest, sind Plagiate nur per Zufall ("Das kommt mir doch bekannt vor!") -- mehr zu erahnen denn zu erkennen. Und seien wir noch einmal ehrlich: Wenn es die Suchmaschinen und das Internet nicht gäbe, niemals wäre das mit zu Guttenbergs Abschreiben herausgekommen. Nicht jeder findet -- nein, so gut wie keiner findet eine hartnäckige Marion Soreth als Kontrahentin. Eine, die mit Fleiß und Belesenheit sich durch die Bibliothek kämpft. Darum haftet im Übrigen dem Erfolg der Plagiatsjäger auch etwas Unwaidmännisches an. Mit einem Gewehr einen Hirsch erlegen, dass kann ja beinah jeder. Aber damals, wir, mit Pfeil und Bogen! Was waren wir doch für Kerle! (Und über die Hirsche, die unverletzt davongelaufen sind, reden wir nicht. Wir erinnern uns nicht einmal mehr an sie.)


Guttenberg saß bescheiden, ein wenig kokett und den Lehrer gebührend bewundernd auf dem Sesselchen im Musikzimmer, wenn er alle acht, neun Monate - wie es alle Doktoranden Häberles machen müssen - ein neues Kapitel seiner Arbeit vorstellte. Er las nicht, er trug den Inhalt vor. Bei solchem Vortrag vermag kein Zuhörer ein Plagiat zu erkennen, nicht einmal ein Weltgeist, zumal dann nicht, wenn ein Politiker vorträgt, der es gewohnt ist, fremde Texte vorzutragen. Der Weltgeist war geschmeichelt ob der Geschmeidigkeit der Rede und der Grandezza des jungen Herrn.

Und die Diskussion wird irgendwann, wenn sich der Pulverdampf gelegt hat und wieder akademische Ruhe über dem Wald schwebt -- dann wird sich die Diskussion daranmachen müssen, über "Hilfskräfte" und deren Reichweite nachzudenken. Politiker und Geldmächtige sind es tatsächlich gewohnt, andere für sich schreien -- pardon! schreiben zu lassen und dann zu glauben, sie, die Politiker / Geldmächtigen, sie hätten das Geschriebene bezahlt und also doch ehrlich erworben. Also sei es doch wohl auch ihres! Wir kaufen im Leben alles, was wir wollen, denken sie. Warum nicht auch die Schreib- und Forschungskraft anderer? Natürlich gibt es solches Denken auch mitten in der Wissenschaft. Wie hieß noch gleich der Astrophysiker, der die Entdeckung seiner Doktorandin für sich vereinnahmte mit der Bemerkung: "Ich habe ihr die Aufgabe gestellt. Sie hat mein Labor benutzt. Also gehört wohl das, was bei ihren Forschungen herauskommt, mir." Hat dieser Mann nicht sogar den Nobelpreis für das bekommen, was seine Assistentin da in seinem Namen entdeckt hat? (Nachtrag, auf vielfachen Wunsch derer, die es nicht wissen und zu faul zum Suchen sind: Die Frau hieß Jocelyn Bell Burnell.)