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Samstag, 23. April 2011

Etymologie und Verquastheit

Liebe Studierende und Gelehrte! Bevor ihr etwas zur Etymologie schreibt, lest das und hört auf meine Worte!

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Die Etymologie ist wahrscheinlich die Disziplin in der Sprachwis- senschaft, die linguistische Laien am meisten fasziniert. "Das Wort X kommt nämlich von mittelhochdeutsch Y und althochdeutsch Z." Das hat was Gelehrtes! Oder das hier:

"Den Stuhlgang beschleunigend
Seinen Namen verdankt der Hallimasch übrigens dem Umstand, dass er roh verspeist den Stuhlgang beschleunigt, was sich offenbar schon die Römer nach opulenten Gelagen zunutze machten. Der deutsche Begriff nimmt diese (je nach Situation) segensreiche Wirkung auf, denn das Wort Hallimasch kommt etymologisch vom Ausdruck «Heil im Arsch»."


Um das wirklich darstellen zu können, braucht man bei Licht besehen eine belegte Wortreihe. Das ist bei den wenigsten Wörtern wirklich der Fall.
Außerdem das, beispielsweise, aus der Wikipedia zur Etymologie von Werbung:

"Etymologisch handelt es sich hierbei um die substantivierte Form des Verbs werben. Dieses steht in engem Zusammenhang mit Wirbeln. Die grundlegende Bedeutung kann daher auch soviel wie sich drehen meinen. Ebenfalls zu finden sind: hin und her gehen, sich umtun, bemühen, etwas betreiben, ausrichten, wenden oder wandeln.


Seit dem Altertum gab es in vielen Kulturen die Brautwerbung. Die historisch erste neuzeitliche Definition des Begriffs „Werbung“ bezog sich ausschließlich auf Soldatenanwerbung (Brockhaus 1848). Für das heutige Verständnis des Begriffes verwendete man demgegenüber in Deutschland noch bis in die 1930er Jahre den Begriff Reklame, {meiner Meinung nach: bis heute] vom französischen réclame (frz.: réclamer: ausrufen, anpreisen) abgeleitet."

Dass Werbung eine Substantivierung ist, hat mit der Etymologie so gut wie nichts zu tun. (Höchstens in dem Sinn, dass das Verb früher war als das Susbstantiv; aber das muss erst mal nachgewiesen werden. Und selbst wenn alle schriftlichen Belege das besagten: die Schriftdecke war seinerzeit sehr dünn, wie gesagt.)

Dann: die früheren Bedeutungen. Da wird immer eine kühne Vermutungs- und Erklärungsbrücke geschlagen. Wozu ist die gut? Sie besagt doch nur: Bedeutungsveränderungen gibt es, neue Bedeutungen entstehen. Basta. Dass dabei vorhandenes Wortmaterial genommen wird, dass dann mit einer neuen Bedeutung belegt wird? Was haben wir davon, wenn wir das nachvollziehen. Bei der Birne = Glühbirne ist die Sache via Form noch offensichtlich, wenn auch wenig spannend. Aber wenn der Reißwolf geschaffen wird -- Jesses, der arme graue Wolf frißt doch keine Papiere. Es ist halt ein Zufall. Ein vollkommen uninteressanter.

Unterm Strich: die Etymologie braucht ein wenig mehr Reflexion. Noch grundsätzlicher: die alten sprachwissenschaftlichen Annahmen und auch die terminologischen Gepflogenheiten gehören längst gegen die Strich gebürstet. Hier wird Traditionspflege als Wissenschaft ausgegeben, selbst wenn Voraussetzungen unter heutigen wissenschaftstheoeretischen Gesichtspunkten einfach spinnert sind.

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Noch ein Fund zu später Stund': Requiemhaie: "Der jetzige deutsche Name stammt aus dem Amerikanischen, durch Volksetymologie vom französischen Wort requin für „Hai“."

Die US-Amerikaner sind da etwas vorsichtiger in der Formulierung: "The name may be related to the French word for shark, "requin", itself of disputed etymology ("chien de mer" or latin "requiem" ("Rest"), which would thereby create a cyclic etymology Requiem-Requin-Requiem."